Stellungnahme des Forums Deutscher Katholiken

Christen brauchen eine Orientierung vom Glauben her. Der Vorsitzende der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz Erzbischof Heiner Koch von Berlin hat gegenüber der „Passauer Neuen Presse“ erklärt, die deutschen Bischöfe teilen die verfassungsmäßigen Bedenken gegen die gesetzliche Einführung einer Ehe für alle (kathnet 29.3.2017). Diese Stellungnahme teilen wir.

Von Bischöfen, erwarten die Gläubigen darüber hinaus eine Begründung, warum Christen von ihrem Glauben her eine Gleichsetzung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe ablehnen müssen, genauer, was Ehe im Plan Gottes, nach der Schöpfungsordnung – „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch“(Gen2,24) – und nach dem Wort Jesu, ist.

Erzbischof Koch fragt: „sollen wir lieber das verkünden, was die Menschen hören wollen? Von Hirten, die einen ‚Führungsauftrag haben, erwarten Gläubige , dass sie sagen, was der Herr sagt.

Forum Deutscher Katholiken, 31.März 2017

Prof. Dr. Hubert Gindert, Sprecher des „Forums Deutscher Katholiken“

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Gemeinsam erreichen wir mehr

Die derzeitige Situation der Kirche in Deutschland ist recht präzise im Papier beschrieben, das am Ende des letzten Ad-Limina-Besuchs der Deutschen Bischöfe in Rom verteilt wurde. Jeder, der mit der Kirche mit lebt, wird es kennen. Zweifellos kam durch die Frage der richtigen Interpretation von Amoris laetitia zusätzliche Verwirrung, auch unter loyale lehramtstreue Katholiken. Das Ergebnis ist eine babylonische Sprachverwirrung.

Wir wollen die Situation der katholischen Kirche in Deutschland nicht weiter auswalzen. Wer sie kennen will, kennt sie. Tatsache ist, dass die Situation bedrückt, lähmt und viele entmutigt. Resignation und Endzeitstimmung kommen auf, was schwindet sind Hoffnung und Freude an der Arbeit für die Kirche. Aus diesem Tal wollen wir herauskommen und eine neue Dynamik in der Evangelisierung zurückgewinnen. Es geht uns nicht um Aufbruchsrhetorik, die Aufmerksamkeit und eine Strohfeuerbegeisterung auslöst sondern um eine wirkliche Zukunftsperspektive. Der Auftrag Christi an uns: Licht auf dem Berg und Salz der Erde zu sein, gilt ja weiterhin.

In der Situation, in der wir stehen, ist es gut, sich bei einem erfahrenen Hirten, der selber nie aufgegeben hat, Rat und Aufmunterung zu holen. Das haben wir im Gespräch mit Kardinal Meisner am 7. März in Köln erfahren.

Denn es besteht schon die Gefahr, dass wir uns in der „Abstiegszone“ irgendwie einrichten und pflichtmäßig das übliche Arbeitspensum erledigen – schließlich will man ja ein gutes Gewissen haben. Aber mit bloßer Routine haben die wahren Reformer in der Kirche noch nie eine Wende herbeigeführt.

Wir sind ja alle einmal mit der Vision angetreten, positiv etwas zu verändern und der Kirche und den Menschen in unserer Gesellschaft zu dienen.

Wir vertreten keine Massenbewegungen, eher Initiativen und kleine Gemeinschaften und Gruppen, die aber als „kreative Minderheiten“ etwas bewirken wollen – mit Einsatz und mit der Hilfe Gottes. Ich erlaube mir aus dem Grußwort von Kardinal Meisner an den Kongress „Freude am Glauben“ mit dem Motto „Hab keine Angst du kleine Herde“ eine Passage zu zitieren, die das Gesagte unterstreicht:

„Fürchte dich nicht du kleine Herde meint, der Christ kann nicht allein leben und arbeiten. Er braucht die Gemeinschaft, wie der Text sagt, die kleine Herde. Und der Herr sagt ausdrücklich: ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Mat 18,20). In der Kraft dieser Gegenwart Christi gilt uns das Wort: ‚Fürchte dich nicht du kleine Herde‘. Hier wird der eine für den anderen oder die eine für die anderen zur Garantie für die Gegenwart des Herrn in seiner Kirche für die Welt“.

Wir haben alle durch Taufe und Firmung einen Auftrag für unsere Kirche und für die Menschen in unserer Gesellschaft. Schließlich erinnert uns das größte Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe daran. Wir können uns nicht auf dem Balkon der Geschichte bequem zurücklehnen und auf das schauen, was die da unten auf der Bühne treiben.

Was ist zu tun? Von Adolf Kolping stammt das Wort: „Die Nöte der Zeit werden euch zeigen, was zu tun ist.“ Es wird gerne zwischen neuen und alten geistlichen Gemeinschaften unterschieden. Besser wäre es, zu unterscheiden zwischen solchen, die die aktuellen Probleme aufgreifen und solchen, die sich nur um die annehmen, die sie einmal vor vielen Jahren aufgegriffen haben.

Wir können gemeinsam mit der Hilfe Gottes viel erreichen. Lasst uns das mit neuem Schwung versuchen!

Nach Gesprächen über die kirchliche Situation u.a. mit Kardinal Meisner, Kardinal Cordes und Prof. Münch haben wir nachstehenden Aufruf verfasst:

Christus ist der Herr – wir sind seine Jünger

Neuheidentum und Wertverlust breiten sich in unserer Gesellschaft rasch aus. Die Volkskirche gehört der Vergangenheit an. Es geht um das Überleben des Christentums in unserem Land. Gleichzeitig nimmt die Ausbreitung des Islam in unserer Gesellschaft zu. Die Folge ist eine stärkere Polarisierung. Es wird immer schwieriger, sich dem Einfluss der Medien zu entziehen. Gefragt ist der christliche Mitläufer, der es nicht so genau nimmt. Vor allem in den neuen Medien schlägt dem Gläubigen oft eine feindselige Stimmung entgegen. Wahrheit ist längst nicht mehr die Richtschnur der Mediengesellschaft. Es herrscht das Diktat des Relativen. Die Jünger des Pilatus propagieren grenzenlose Freiheit und Spaßgesellschaft. Auch in der Kirche macht sich dies breit. Unauflöslichkeit der Ehe? Ein nettes Ideal. Keuschheit vor der Ehe? War gestern. Kommunionempfang ohne Beichte? Tun doch alle. Die Realpräsenz bekennen und predigen? Nur nicht übertreiben. Vertrauen in die Gottesmutter empfehlen? Nur im kleinen Kreis. Hirtenwort gegen den Genderwahn? Hat Zeit. Bischöfe kommen gut weg, solange sie sich mit dem Mainstream gemein machen.

Angesichts des anschwellenden Mainstreams und der Vereinzelung der Christen stellt sich die Frage: Wohin treibt die Kirche in Deutschland? Wer gibt ihr Halt?

Das Versprechen Christi an Petrus: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ gilt der Gesamtkirche, aber nicht für jedes Land.

Die geistlichen Familien und Gemeinschaften sind Inseln im Strom. Wenn sie zueinander Brücken bauen, kann ein Damm entstehen. Eine Gruppe oder Gemeinschaft allein wird den Damm nicht errichten können. Es braucht viele mit Standfestigkeit.

Dies ist ein Appell an alle Besorgten, mit anzupacken beim Deichbau. Christus ist der Herr. Jede Gemeinschaft folgt ihrem Charisma. Aber alle, die zur Kirche und zum Glauben der Kirche stehen wollen, sollten gemeinsam davon Zeugnis geben und hin und wieder zusammenkommen. Ein solches Treffen muss gemeinsam vorbereitet werden. Wir wären Ihnen deshalb dankbar, wenn Sie uns Ihr Interesse an einer solchen Zusammenkunft mitteilen würden.

Wir haben die Wahl: Entweder wir machen jeder in einer Nische weiter, oder wir sammeln uns, tauschen uns aus und zeigen der Welt, das die Kirche lebt und dass

Neuevangelisierung auch in Deutschland möglich ist.

Nachdem sich Kardinal Meisner bereit erklärt hatte für ein Gespräch mit Gemeinschaften zur Verfügung zu stehen, haben wir zu einem Treffen für den 7. März nach Köln eingeladen. Daran nahmen 26 Vertreter von 16 Gemeinschaften und Initiativen teil und tauschten sich über ihre Arbeit aus. Außerdem wurde über Möglichkeiten einer Vernetzung und Kooperation, sowie über einen gemeinsamen Auftritt gesprochen. Weitere Gemeinschaften und Initiativen, die zu einer Kooperation bereit sind, sind eingeladen sich dem Netzwerk anzuschließen.

Einige Passagen aus den Protokollnotizen von Hans Schwanzl können einen Einblick in das Gespräch vermitteln:

Zum Treffen wurde von Prof. Dr. Hubert Gindert, dem 1. Vorsitzenden und Sprecher des Forums, nach Absprache mit S.Em. Kardinal Meisner, eingeladen. Zielsetzung war die Erörterung einer künftigen, jedenfalls punktuellen Zusammenarbeit zur Förderung eines Neuaufbruchs im Glauben.

Kard. Meisner wies in seiner Einführung darauf hin, dass unsere Kirche, die Kirche des Herrn ist und gemäß dessen Zusage nicht untergehen wird. Gleichzeitig sagte der Kardinal, dass der Glaube in unserem Volk und unserer deutschen Teilkirche so stark geschwunden sei, dass Bemühungen um eine Neuevangelisierung dringend notwendig seien. Er lobte ausdrücklich die Kongresse „Freude am Glauben“ und verwies darauf, dass es Gottes Freude sei, bei den Menschen zu sein. Gleichzeitig sagte der Kardinal, dass es verständlich ist, wenn die noch gläubigen Christen, in Anbetracht der hiesigen Glaubenskrise, nicht ständig jubilieren würden. Der Kardinal freute sich über die in den Vorstellungen der Teilnehmer zum Ausdruck gekommenen Bemühungen um die Glaubensweitergabe und –Stärkung.

Bei den Wortmeldungen der Teilnehmer überwog eindeutig die Meinung, dass die Kongresse „Freude am Glauben“ in ihrer bisherigen Konzeption beibehalten werden sollten. Es wurde gesagt, dass die Kongresse vielen Menschen Orientierung und Glaubensstärkung bieten und auch durchaus von den Medien beobachtet werden, obwohl sie die Veranstaltung nicht unterstützen und sogar tabuisieren (Liminski).

Herr Liminski plädierte auch für eine ständige Internetpräsenz und eine kontinuierliche Berichterstattung z.B. durch Newsletters in denen regelmäßig über die gemeinsamen Bemühungen um einen Neuaufbruch im Glauben berichtet wird.

Alexandra Maria Linder, die Vorsitzende von ALfA e.V., regte die Einladung von Promis aus der Musikszene an, um Jugendliche für die Teilnahme am Kongress zu gewinnen. Sie empfahl ferner, dass alle anwesenden Gemeinschaften und auch das Forum sich am jeweiligen Katholikentag beteiligen sollten, damit verdeutlicht wird, dass es sich vorwiegend um eine katholische Veranstaltung handelt. Außerdem schlug Frau Linder eine bessere Vernetzung vor und die Bekanntmachung von Aktivitäten in einem gemeinsamen Verteiler.

Diakon Bernhard Bäumler von der Marianischen Bewegung „Königin der Liebe“ betonte, dass Maria der stärkste Widerpart Satans sei und deshalb die Weihe an ihr unbeflecktes Herz ganzer Diözesen sehr wichtig sei. Prof. Gindert verwies darauf, dass die Weihe der Teilnehmer bereits seit Jahren bei der Lichterprozession üblich ist.

Pfr. Wolfgang Marx von der „Neokatechumenalen Gemeinschaft“ hob die Notwendigkeit der Stabilisierung der Familien und der Ehen hervor, um damit auch Berufungen und die Wiedergewinnung der Praxis des Beichtens zu erreichen. Prof. Gindert verwies auf die sieben Priesterberufungen, die in vierzig Jahren aus dieser Gemeinschaft hervor gingen.

Mehrfach wurde auf die Wichtigkeit der Glaubensweitergabe verwiesen (u.a. von Christoph Blath und Math. v. Gersdorff vom Arbeitskreis von Kath. im Raum Ffm).

Frau Gabriele Harter von der KPE regte an, auf dem Kongress im Plenum zwischendurch auch gemeinsam zu beten oder einen Lobpreis zu singen.

Prof. Gindert bat abschließend die Teilnehmer darum ihm per Mail binnen zwei Wochen mitzuteilen, welche Wünsche sie an das Forum bezüglich einer künftigen Zusammenarbeit haben und versprach eine Antwort noch vor dem Osterfest, wenn diese Anregungen ihm spätestens in der genannten Zeit vorliegen. Ferner regte er an, sich nach dem Schlussgottesdienst des Kongresses am Nachmittag des 9. Juli 2017 in Fulda wieder zusammen zu setzen und über die Zusammenarbeit zu sprechen. Er beendete die Tagung mit einem Dank an S.Em. Joachim Kardinal Meisner und an alle Teilnehmer für das offene und konstruktive Gespräch und bat den Kardinal abschließend um ein gemeinsames Gebet und die Spendung von Gottes Segen für das Gelingen einer fruchtbaren Zusammenarbeit.“

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Wahrheit als Lebenskompass: Glauben – Erkennen – Handeln

Elmar Nass


Die
erste und wichtigste ethische Orientierung des Menschen ist die an der Wahrheit des Guten. Der Heilige Thomas von Aquin fordert von uns, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Wie aber kann das gelingen? Dieser Imperativ setzt voraus, dass es das Gute als eine Norm tatsächlich gibt, dass wir Menschen sie erkennen und dass wir auch ganz konkret danach handeln können. So möchte ich hier der Spur der Wahrheit des Guten folgen, indem ich den christlichen Anker der Wahrheit an den Anfang stelle, dann einige aktuelle Orientierungsfragen aufwerfe, bevor verschiedene verführerische Ideen und Ideologien des Guten gegenübergestellt werden. Es folgt eine Erinnerung an die christliche Vorstellung der Wahrheit des Guten, ihrer Erkennbarkeit und der daraus folgenden Handlungsoptionen, die sich daraus ergeben.

Unser Anker:
Jesus ist die Wahrheit

Für uns Christen hat die Wahrheit des Guten ihr menschliches Gesicht in Jesus Christus, der von sich selbst sagt: Ich bin die Wahrheit. Der Jesuitenpater Prof. Johannes Günter Gerhartz, der jetzt zu Grabe getragen wurde und der in meiner Zeit im Germanicum in Rom einer meiner Lehrer war, stellte immer wieder nachdrücklich und emotional dieses Bekenntnis wie ein Brennglas unserer christlichen Existenz heraus. Und er schaute in Gesprächen oder Vorträgen dann seine Gesprächspartner oder Zuhörer an, wenn er sagte: „Jesus schaut auf jeden von uns. Er ist das Maß unserer Wahrheit. Und: Nehmen Sie das ruhig ernst!“ Dieser letzte Anker christlich verantwortlichen Lebens ist das unaufgebbare Maß unserer Gewissensprüfung: da, wo die menschliche Vernunft in der Bilanzierung der Argumente an ihre Grenzen stößt.

Es tun sich doch zahlreiche Dilemma-Situationen in unserem Leben auf, die von uns konkrete Entscheidungen fordern: für uns ganz persönlich in unserem privaten Leben ebenso wie in unseren persönlichen Stellungnahmen zu aktuellen sozialen Fragen oder zur Zukunft der Kirche und des Glaubens. Einige aktuelle Streitthemen seien hier genannt, die von uns Christen eine Positionierung erfordern, eine die sich nicht am Mainstream oder der Bequemlichkeit orientiert, sondern an der Wahrheit, selbst wenn eine solche Meinung in den populären medialen Foren Proteste provozieren mag. Wahrheit folgt nicht immer der Mehrheit, wir aber sind Zeugen der Wahrheit, und deshalb braucht es Mut, diese auch wieder mit klarer Kante zu benennen. Denn am Ende unserer Tage werden wir nicht Rechenschaft geben vor einem Diskursgremium von Alt68ern oder treuen Hütern politischer Korrektheit oder pragmatischer Realpolitik, sondern Rechenschaft werden wir ablegen vor Jesus Christus, der selbst die Wahrheit ist, und der in seiner Zeit auf der Erde auch nicht den vorgefundenen Mehrheiten gefolgt ist, sondern mit dem Bekenntnis zur Wahrheit gerade seine selbstherrlichen Zeitgeister herausgefordert hat.

Gesuchte Orientierung
an der Wahrheit:
exemplarische Fragen
unserer Zeit

Aktuelle ethische Fragen, deren Beantwortung nach Orientierung an der Wahrheit schreit, gibt es genug. Nur einige seien hier exemplarisch genannt. Wie wird es weiter gehen mit der Auslegung von Art 1. GG vor allem am Anfang und am Ende des Lebens? Nur noch 10 % der Kinder mit Down-Syndrom werden geboren. Keineswegs ist klar, was hier dann noch mit unantastbarer Würde gemeint ist. Das, was Ernst-Wolfgang Böckenförde noch 2003 als axiomatische Ewigkeitsentscheidung bezeichnete, ist inzwischen verschwommener denn je. Nach welchen Kriterien sollen Rationierungsentscheidungen im Gesundheitswesen getroffen werden? Die Menschen werden immer älter, die eingesetzten Technologien gerade in der letzten Lebensphase werden immer teurer. Und Frühchen, die früher gestorben wären, können heute unter Aufwendung hoher Kosten am Leben erhalten werden, oft verbunden mit einer lebenslangen Behinderung. Es wird schon ernsthaft darüber diskutiert, sich solche Kosten doch „besser“ zu sparen und die so frei werdenden Ressourcen anders zu alloziieren: auf Kosten der Frühchen und der alten, kranken Menschen. Welche ethische Idee steckt hinter einer solchen Logik? Das muss offen gefragt werden! Was soll eigentlich mit Blick auf Ehe und Familie von unserer Verfassung besonders geschützt werden, wenn inzwischen alles Mögliche als Familie definiert wird?  Wie stellen wir uns zum Islam in unserer Gesellschaft und wie zur Gefahr des Islamismus? Wo erkennen wir Handlungsbedarf angesichts maßloser Christenverfolgungen in muslimischen Ländern? Kann Gewalt im Sinne des „gerechten Krieges“ für Christen eine legitime Option sein? Was ist eigentlich das verbindende Wertefundament Europas? Humanismus scheint da weitgehend konsensfähig, aber welcher? Ist die Aufklärung der legitime Pate des Humanismus? Oder gar die dezidiert antichristlichen Adoptionen des Begriffs etwa in der so genannten ‚Humanistischen Union‘ o.a.?  Oder ist nicht doch der christliche Humanismus das eigentlich Fundament unantastbarer Würde jedes Menschen? Welchen Stellenwert wollen wir der Genderperspektive in unserer Gesellschaft einräumen, die das so genannte soziale Geschlecht der Menschen einebnen will. Dabei geht es nicht allein darum, Mädchen in blaue Strampler zu stecken und Jungen mit Puppen spielen zu lassen oder die Zahl der Toiletten zu vervielfachen (weil es ja mehr als acht Geschlechter gebe).  Inzwischen werden zahllose Lehrstühle ausgeschrieben mit einem Genderschwerpunkt. Und Forschungsprojekte der Regierung fordern immer häufiger die Berücksichtigung der Genderperspektive ein. Hier wird also nicht nur durch wortstarke Lobbyvertreter in den Medien, sondern auch mit massiven finanziellen Umverteilungen in Meinungsbildung, Forschung und Lehre eingegriffen. Und last not least: Wie wird es wohl mit der Kirche weitergehen, die weiter Jahr für Jahr viele Mitglieder verliert und immer noch viele Kräfte für Strukturdebatten bindet, die den missionarischen Auftrag Jesu nicht unbedingt beflügeln.

Was ist Wahrheit? – Alternative Zugänge zum vermeintlich Guten

Antworten auf die genannten Fragen und viele andere mehr sind dringender denn je. Und jeder Ethiker will uns hier weiterhelfen mit seiner Ethik, also seiner Vorstellung von Wahrheit, Würde und dem Guten. Doch nicht überall, wo Wahrheit drauf steht, ist Wahrheit drinnen. Das Gleiche gilt für das Gute und die Würde. So absurd es klingen mag: Auch die Nazis, die Islamisten und Stalinisten o.a. haben eine je eigene Vorstellung von Wahrheit. Um nicht in die gefährliche Falle des Relativismus zu tappen, der hier keine substantielle Unterscheidung mehr begründen kann, bedarf es der wesentlichen Unterscheidung zwischen subjektiven Ideologien von Wahrheit einerseits, und der objektiven Begründung von Wahrheit und Gut, die die barbarischen Verirrungen als solche identifiziert. Alternative Vorstellungen von Wahrheit konkurrieren also immer wieder miteinander und mit unserem christlichen Verständnis. Hier seien einige mächtige ideologische Zeitgeister enttarnt.

Da ist zum einen eine sozialdarwinistische Vorstellung als Orientierung. Sie fordert eine Selektion stärkerer gegenüber schwächeren Rassen und Menschen. Das ist keineswegs eine Erfindung der Nazis. Darwin selbst hat in Anlehnung an Thomas R. Malthus solche Konsequenzen gefordert, indem er weniger schlauen Menschen verbieten wollte, Nachwuchs zu zeugen. Je nach politischer Rezeption ist der Weg dann auch nicht mehr weit zu ähnlichen ausgrenzenden Totalitarismen, etwa der Klasse und Religion. Islamisten sprechen nur denjenigen Menschen die Würde zu, die ihrer Religion angehören und sie auch in ihrem Sinne verstehen. Andere verlieren ihre Würde und ihr Lebensrecht. Die Geschichte lehrt uns die grausamen Folgen solcher barbarischer Verdrehungen von Wahrheit unter dem Diktat menschlicher Hybris.

Eine Kantische Idee der Wahrheit ist demgegenüber zu bevorzugen. Sie erkennt immerhn ein objektiv Gutes an, das der Mensch mithilfe einer interessefreien (autonomen) Vernunft erkennen kann. Wahrheit ist danach das, was normativ meinem Denkvermögen vorausliegt. Über Gott will Kant aber nichts substantiell sagen, nur soviel, dass er ihn als denknotwendige Idee unbedingt voraussetzt. Wenn nun diese Idee denknotwendig ist, ihr aber keine Realität entspricht, dann löst sich die Stringenz dieser Ethik in Wohlgefallen auf. Wenn ihr aber eine Realität entspricht, dann ist aber doch eine Brücke zur christlichen Ethik geradezu denknotwendig. Diesen Schritt gehen aber viele Kantianer nicht mit. Vielmehr suchen manche einen fließenden Übergang unbedingter Würde auch zu vernunftbegabten Tieren und abseits von geistig behinderten Menschen. Dann wiederum entfernen wir uns wieder ganz schnell von dem, was für uns Christen Wahrheit bedeutet.

Christlich glauben und Erkennen

Schon in vorchristlicher Zeit entwickelten etwa Platon und Aristoteles eine objektive Ethik, deren letzter Anker eine zeitlos gültige Idee des Guten bzw. ein unbewegter Beweger als deren Ursprung ist. Für Christen sind die Antworten auf die gestellten Orientierungsfragen gut, die sich an einer solchen objektiv gegebenen Wahrheit orientieren und dabei – aus christlicher Sicht – an Jesus Christus. Dieses Bewusstsein schließt selbstverständlich eine verantwortungsethische Berücksichtigung der Konsequenzen unserer Entscheidungen und unseres Verhaltens mit ein. Sie begnügt sich aber nicht damit. Denn sie hat auch eine gesinnungsethische Seite. Unser Gewissen, das ja als Norma Normata auch irren kann, hat sich im Letzten an genau diesem Anker festzumachen, an Jesus Christus.

Der Heilige Thomas von Aquin hat eine bis heute unübertroffene Symbiose aus Vernunft- und Glaubenserkenntnis vorgelegt, die Papst Benedikt XVI. vor allem in seiner Enzyklika ‚Caritas in veritate‘ oder auch in seiner Rede vor dem Bundestag ausdrücklich rezipiert und mit aktueller Argumentationskraft für drängende Fragen ausgestattet hat. Das Gute wird danach nicht von Machtideologen willkürlich konstruiert und immer wieder relativistisch neu definiert. Vielmehr ist Gott als die Wahrheit des Guten gesetzt. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, diese und damit das Gesetz Jesu für uns Menschen zu erkennen. Das kann uns gelingen, wenn wir unsere Vernunft bemühen und diese in eine Grundhaltung der Gottesliebe einbetten. Zwar werden wir wegen der bleibenden Schöpfungsdifferenz niemals diese Wahrheit ganz erfassen können, doch wir können die ethische Botschaft Jesu erkennen. Sonst wären seine Predigten und Gleichnisse ja Schall und Rauch. Was uns dazu befähigt, ist neben der Vernunft die besondere Gabe, die wir in der Taufe empfangen haben und die in uns ist und wirken will. Es ist der Heilige Geist! Wenn wir Ihn gemeinsam mit unserer Vernunft aktivieren, können wir die Wahrheit Gottes und die Botschaft Jesu angemessen deuten! Der Heilige Geist ist dann auch unser innerer Kompass, der das Gewissen vor Fehldeutungen bewahrt. Vertrauen wir dem Heiligen Geist in uns: Er ist das Tor zur Wahrheit, weil Er selbst die Wahrheit ist.

Christliche Wahrheit als Handlungskompass

Mit der Erkenntnis der Wahrheit Gottes leben wir unsere dreifache Verantwortung als Antwort auf die Liebe Gottes: die Verantwortung vor Gott, vor uns selbst und dem Nächsten. Sie ermöglicht klare Positionierungen, die sich an der Wahrheit Jesu als Lebenskompass orientieren.

Zur Frage nach der Würde am Anfang und Ende des Lebens brachte neulich eine 17jährige Schülerin bei einer Podiumsdiskussion an der Wilhelm  Löhe Hochschule Fürth die bemerkenswerte Einlassung vor: Wir sollten doch gar nicht so hitzig über die Euthanasie am Lebensende diskutieren. Schließlich würden am Anfang des Lebens ja schon viele (vor allem behinderte) Menschen getötet. Wie Recht sie hat … Ich habe ihr geantwortet, dass dies ja genau das oft unterschätzte Dammbruchargument untermauert und ihr vorgeschlagen, das Argument herumzudrehen: Gerade weil wir die Euthanasiediskussion am Ende des Lebens führen mit einem klaren Bekenntnis gerade auch zum leidenden und sterbenden Leben, müssen wir den mit der Handhabe von § 218 unzähligen Verfassungsbruch am Anfang des Lebens wieder neu in die Öffentlichkeit bringen. Auch müssen wir Christen offen legen, wohin die Rationierungsdebatten im Gesundheitswesen führen können: zu einem sozialdarwinistischen Geist auf Kosten der Schwachen und Kranken. Das offen beim Namen zu nennen, ist unsere Christenpflicht, um nicht noch weiter auf der schon beschrittenen schiefen Bahn einer am Kalkül der Nützlichkeit orientierten „Ethik“ weiter abzurutschen. Ich bin zuversichtlich, dass wir dafür in unserer Gesellschaft noch Mehrheiten finden, wenn wir offen benennen, worum es hier wirklich geht. Mich wundert es nicht wenig, dass viele Zeitgenossen gerade den konservativen Christen eine Nähe zu politisch rechter Ideologie unterstellen. Wenn ich mir die geöffneten Türen zur Euthanasie am Anfang und Ende des Lebens und die damit schon sichtbaren Folgen etwa in den Niederlanden oder Belgien ansehe, wo Eltern über das Leben ihrer behinderten Kinder befinden dürfen, dann frage ich mich schon, wer hier dunkle Geister gerufen hat. Unser Bekenntnis zum Lebensschutz heißt auch eine klare Abgrenzung von allen, die im Namen der Christlichkeit in den Diskussionen um die Euthanasie im letzten Jahr öffentlich eine noch weitere Liberalisierung forderten als sie jetzt beschlossen wurde.  Solche Meinung mag vielleicht bequemer sein und manchem anschlussfähiger an den heutigen politisch korrekten Zeitgeist, doch sie ist nicht nur überflüssig, sondern verschleiert das christliche Profil, das sich an der Wahrheit orientiert.

Wie soll es mit der Familie weitergehen? Natürlich gibt es zahlreiche Erfahrungen des Scheiterns. Dies ist oft mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden. Doch das kann ja wohl kein Grund dafür sein, das Ideal aufzugeben. Natürlich gibt es viele nette und vertrauenswürdige gleichgeschlechtlich orientierte Menschen. Doch das kann ja wohl nicht der Grund dafür sein, entsprechende Verbindungen dem Ehesakrament gleichzustellen und das Adoptionsrecht zu fordern. Die Genderperspektive sorgt für manche weitere Verwirrung. Denn sie erhebt auch in der Theologie den Anspruch, universal vor die Klammer theologischer Reflexion gezogen zu werden. Der Genderperspektive entgegen lese ich im Schöpfungsbericht, dass Gott sich erdreistet hat, den Menschen als Mann und Frau zu schaffen und sich doch offenbar dabei etwas gedacht hat. Oder sollten wir den Schöpfer als vormodern maßregeln, weil er diese Perspektive nicht berücksichtigte …? Totalitäre Ansprüche wie die Genderperspektive führen zu einer Zensur Andersdenkender unter der Diktatur einiger Ideologen, die die Kirche nach ihren antiautoritären Utopien oder nach einem Diktum angepasster Anschlussfähigkeit an den Mainstream umkrempeln wollen und alles andere als vormodern und paradoxerweise als dogmatisch brandmarken. Intoleranz im Namen der Toleranz ist sicher keine christliche Tugend, aber leider in Theologie und Kirche recht verbreitet.

Woran will sich Europa orientieren? Zweifellos hat die Aufklärung unser Wertefundament mit geprägt. Humanismus aber ist keine Erfindung von Rousseau, Nietzsche oder Kant. Sie ist vielmehr grundgelegt in der christlichen Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die eine unbedingte Würde jedes Menschen überzeugend begründet, und zwar jeden Lebens von der Zeugung bis zum Tod, gesund oder krank, behindert oder dement. Wer Europas Werte in einem gottlosen Humanismus begründen will, kappt dem Humanen seine wichtigste Wurzel. Durchaus selbstbewusst sollten wir uns wieder dazu bekennen, dass aus unserer Sicht in Wahrheit die Botschaft Jesu die beste Herleitung eines wirklich humanen Humanismus ist, der diesen Namen auch verdient, weil dieser die Unantastbarkeit der Würde weder relativiert noch bloß behauptet, sondern sie überzeugend und universal begründet.

Unser Umgang mit dem Islamismus erfordert auch klare Kante, die nicht jedem passt. Wer ausdrücklich das Ziel hat, die Sharia einzuführen und andere Religionen zu vernichten – man schaue etwa auf die Christenverfolgungen unserer Tage –, der darf nicht mit Verweis auf unsere Verfassung deren Abschaffung betreiben. Daraus ergibt sich auch in der Verantwortung vor unseren jüdischen Mitbürgern folgerichtig die Forderung nach einem Verbot von salafistischen u.a. Gruppierungen. Diese Konsequenz ist kein bloß politisches Postulat, sondern nach meiner Überzeugung Ausdruck christlicher Wahrheit über das wahrhaft Humane.

Gewalt gegen den islamistischen Terror etwa in Syrien ist aus christlicher Sicht nicht trivial zu begründen. Pazifisten können sich auf Jesus berufen und sie kategorisch ablehnen. Krieg ist immer ein Übel, weil dabei Ebenbilder Gottes getötet werden. Deshalb ist die Rede vom gerechten Krieg manchmal irreführend. Gerecht heißt hier nicht „gut“, sondern eben bloß „gerechtfertigt“. Den Krieg gilt es schnellstmöglich zu beenden. Dennoch kann aus christlicher Sicht der militärische Einsatz in Syrien legitimiert werden, vor allem, wenn ich – wie auch schon zu anderen Zeiten der Geschichte – davon ausgehe, dass auch hier wieder die barbarischen Gegner nicht allein menschliches Gesicht haben, sondern in Wahrheit Gefolgsleute einer dämonischen Macht sind, die den Heiligen Geist auf Erden bekämpft. Wenn wir es so deuten, dann können wir den Worten Jesu entsprechend gegen solche Macht auch Mittel der Gewalt gut begründet legitimieren. Mir erscheint ein solcher Gedankengang angesichts von zahllosen verschleppten Frauen, aufgespießten Köpfen und ausgemerzten Dörfern durchaus plausibel.

Und die Kirche? Strukturdebatten töten den missionarischen Geist. Gesundes Selbstbewusstsein wirkt überzeugender als stete Rückzugsgefechte. Neue Gebetbücher retten die Kirche ebensowenig wie viel bedrucktes Papier und Endlossitzungen konzeptioneller Arbeitskreise. Plätzchenbacken und Taubenmalen öffnen Kindern und Jugendlichen keinen Zugang zu den Sakramenten. Leidenschaftliches Engagement für den Inhalt der Botschaft Jesu und für den Heiligen Geist sollte in Katechese, Religionsunterricht, Theologie und Verkündigung zum Programm erklärt werden. Warum nicht ein Jahr solcher Leidenschaft ausrufen? Und so neue kreative Wege anspornen! Warum nicht Gemeindekatechese wieder inhaltlich daran neu ausrichten und dem Heiligen Geist so die Türen öffnen?

Gesinnungsethischer Anker

Bei den exemplarisch genannten und anderen Handlungsorientierungen, die der Wahrheit Jesu folgen wollen, ist die Antwort nicht immer eindeutig. Eindeutig aber ist und bleibt der letzte Kompass jeder christlich legitimen Entscheidung. Es ist unser Vertrauen auf den Heiligen Geist, der in uns ist. Das befähigt zum ausdrücklichen Bekenntnis und gibt sogar Mut zum Martyrium. Schauen wir doch auf die vielen Verfolgten, die für ihren christlichen Glauben heute ermordet werden. Der Heilige Geist befähigt uns dazu, gesinnungsethisch der Wahrheit treu zu bleiben, vor dem wir einmal Rechenschaft ablegen werden. Es ist die Wahrheit, für die wir in unserer Kirche gemeinsam eintreten sollen, die Wahrheit, die uns aus unserer menschlichen Enge befreit: Jesus Christus selbst, der uns anschaut. Und das dürfen wir ruhig ernst nehmen!

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