Haben wir zu kämpfen verlernt?

Pardon! Das Wort „kämpfen“ in der Überschrift wird heute als völlig deplatziert angesehen. Wer will in einer Spaßgesellschaft noch kämpfen? Wer ein solches Wort noch in seinem Vokabular führt, verurteilt sich selbst zur Erfolglosigkeit. Er begeht gesellschaftlichen Selbstmord. Dabei ist mit „kämpfen“ immer an eine geistige Auseinandersetzung gedacht.

Vielleicht würde noch das Wort „aufklären“ oder „verteidigen“ akzeptiert werden. Dieses Wort haben wir noch im gängigen Sprachgebrauch, z.B. bei einem Fußball-Match, in dem einige Spieler das eigene Tor vor gegnerischen Bällen schützen. Nur, der Kampf der 22 unten in der Fußballarena hat mit dem Lebensgefühl der Zuschauer nichts gemein.

„Kämpfen“ beschreibt heute nur mehr die Lebensrealität einer kleinen Elite im Sport, im Showgeschäft, in der Politik, in Unternehmen und großen Verbänden. Dort wird mit harten Bandagen gekämpft. Und dann gibt es noch die kleine Schar derer, die gegen die anthropologische Revolution in der Gesellschaft, konkret für das Leben und die Würde aller Menschen, gegen Abtreibung, Gender-Ideologie etc. einen heroischen Kampf führt.

Verpönt ist das Wort „Kampf“ auch in der Kirche. Wo kämpfen das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend oder die katholischen Frauenverbände, wenn der Glaube der Kirche zur Diskussion steht? Die Kultur des Relativismus ist in diesen Gremien fest etabliert. Von ihr sagte Joseph Kardinal Ratzinger am 18. April 2015: „Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‚vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-her-treiben-lassen‘, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt“. Also segelt man lieber in den genannten Gremien mit dem Rückenwind des Zeitgeistes, als gegen den Wind der veröffentlichten Meinung anzukämpfen. Selbst bei den Hirten haben wir, abgesehen von den bekannten Ausnahmen, Zweifel, ob ihnen die massive Fahnenflucht der Gläubigen schlaflose Nächte bereitet. Muss man sich darüber wundern?

Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland 72 Friedensjahre hinter uns. Die Christen wurden – sieht man von Schikanen oder gesellschaftlicher Zurücksetzung ab – nicht verfolgt. Das letzte Mal wurden in Deutschland Katholiken in den 12 Jahren der Naziherrschaft geprüft. Wir kennen nicht die genaue Zahl derer, die für ihren Glauben gekämpft, ihren Arbeitsplatz verloren haben, in KZs gesteckt oder zur „Frontbewährung“ abkommandiert wurden. Ihre Zahl war sicher groß. Was uns bekannt ist, sind die rund 4.000 polnischen, deutschen und französischen Priester die in KZs umgebracht wurden.

72 Friedensjahre sind eine lange Zeit, die zur Bequemlichkeit, Anpassung an den jeweiligen Zeitgeist und dazu führen, zu „leben, als ob es Gott nicht gäbe“ (Papst Johannes Paul II.). Die Statistiken der Kirchenaustritte und der Gottesdienstbesuche sprechen eine beredte Sprache. Diese Erscheinung ist nicht auf unsere Zeit beschränkt. Das zeigt sich, wenn wir in der Kirchengeschichte zurückblättern. Bis zum Mailänder Toleranzedikt Kaiser Konstantins im Jahr 313 gab es sieben, anderen zufolge zehn Christenverfolgungen. Schon damals ging die Bereitschaft zurück, für den Glauben einzustehen, wenn der Abstand zwischen zwei Verfolgungen groß war. Trotzdem stieg die Zahl der Gläubigen insgesamt an, weil das Beispiel der Märtyrer Faszination auslöste. Das Leitwort des größten Missionars der Kirche, des heiligen Paulus, stand ihnen immer vor Augen: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und den Glauben bewahrt“.

Auch die christdemokratischen Parteien haben sich in den letzten Jahrzehnten von dem getrennt, was der Machterhaltung im Weg steht. Kardinal Meisner hat einmal geäußert: „Eine christdemokratische Partei kann in der heutigen säkularisierten Gesellschaft keine Mehrheit mehr erringen“. Die christlichen Parteien auf nationaler und auf EU-Ebene haben daraus ihre Konsequenzen gezogen, wie Vladimir Palko in seinem Buch „Die Löwen kommen“ schreibt: „Die christlichen Parteien und die christlichen Politiker des Westens haben sich bei der Wahl zwischen der Treue zu christlichen Prinzipien und einem größeren Anteil an Macht entschieden – und zwar für die Macht“. (S. 184)

Was bleibt also zu tun in dem Kampf „zwischen den Kräften der anthropologischen Revolution und dem Christentum, zwischen der Kultur des Lebens und der Kultur des Todes? Und gerade in diesem Kampf ist das christliche Engagement in eine Krise geraten“. (Vladimir Palko, Die Löwen kommen, S. 480). Palko gibt „zehn Gebote – Ratschläge“. Davor ist das Wort von Papst Leo XIII. gesetzt: „Christen sind zum Kampf geboren“.

Was steht in der heutigen Zeit dem „Kämpfen“ im Weg? Es sind Verunsicherung und die Frage, wofür man kämpfen soll.

Es heißt, wir leben in einer Zeit der Veränderungen. „Veränderung“ ist ein viel zu harmloses Wort. Tatsächlich erleben wir Revolutionen, Damm- und Kulturbrüche – und das bei gleichzeitiger Orientierungslosigkeit, Desinformation und einem Ansehensverlust der religiösen, staatlichen und rechtlichen Autoritäten. Das muss näher erklärt werden.

Jeder erkennt die Veränderungen durch Computer und Smartphone, die Kinder, Jugendliche und auch Ältere faszinieren. Sie haben das Kommunikationsverhalten – bis in die Kinderzimmer hinein – revolutioniert.

Jeder hat schon von dem Fortschritt in der Medizin erfahren oder an sich selber erlebt. Vielleicht aber kennt nicht jeder die gentechnologischen Möglichkeiten, die dazu führen, dass Designer-Babys mit den gewünschten Eigenschaften produziert werden und homosexuelle Partnerschaften per Samenspende und Leihmutterschaft ihr angebliches „Recht auf Kinder“ realisieren können.

Künstliche Befruchtung ist bei uns ebenso wie die Samenspende gesetzlich erlaubt, wenn sie nicht anonym erfolgt. Die beiden Kirchen haben am 6. Mai 2017 die „Woche für das Leben“ unter das Thema gestellt „Kinderwunsch – Wunschkind – Designer-Baby“. Die medizinischen Wissenschaften ermöglichen neue technische Verfahren, aber „kein Orientierungswissen mit Blick auf ethische Grenzen und Fragen der Menschenwürde“ (AZ, 27.4.2017).

Mit dieser technischen Revolution stehen wir mitten in der anthropologischen Revolution, die damit Hand in Hand geht. Die bisherige verfassungsmäßig anerkannte, eine Gesellschaft tragende Institution der Ehe als eine Verbindung von Mann und Frau, die für den Fortbestand einer Gesellschaft unersetzlich ist und die deswegen den besonderen Schutz des Staates im Rücken hatte, ist seit dem Bundestagsbeschluss vom 30. Juni 2017 mit der sogenannten „Ehe für Alle“ ausgehebelt worden. Das stellt einen Kultur- und Dammbruch dar, der in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 28.6.2017 so kommentiert wurde: „Wie Menschen zusammenleben, wer sich in wen verliebt und wer mit wem dauerhaft eine Beziehung eingeht, geht den Staat nichts an. Er hat nur dafür zu sorgen, dass alle tatsächlich gleich behandelt werden. Angela Merkel hat spät, aber nicht zu spät erkannt, dass das Nein der Union zur Homo-Ehe nicht mehr zeitgemäß und somit nicht länger zu halten ist“. Journalisten haben offensichtlich aus ihrer Sicht nicht einen Informationsauftrag, sondern einen Meinungsbildungsauftrag.

Der Weg zur „Ehe für Alle“ ist durch die allmählich rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe von Mann und Frau geebnet worden. Diese Kulturrevolution wurde durch die Gender-Ideologie forciert. Die Gender-Ideologie wurde bereits unter Bundeskanzler Schröder als Querschnittsaufgabe im Koalitionsvertrag – übrigens ohne eine Parlamentsdebatte – installiert und zieht inzwischen u.a. in der Sexualaufklärung an staatlichen Pflichtschulen unter der Bezeichnung der „sexuellen Vielfalt“ ihre Kreise. Kernpunkt dieser Ideologie ist, dass der Mensch autonom sein Geschlecht selbst bestimmt. Die Einebnung der Geschlechter macht Debatten, die auf Unterschiede der Geschlechter zurückzuführen sind, überholt, weil gegenstandslos.

Die anthropologischen Revolutionen werden, laut Befragung, von der Bevölkerung mehrheitlich akzeptiert. Was sind die Gründe dafür? Ist es Resignation, weil das, was technisch möglich ist, ohnehin nicht zu verhindern sei und über kurz oder lang politisch und rechtlich doch abgesegnet würde. Ist es Kurzsicht, weil die Folgen solcher Dammbrüche gar nicht abzuschätzen sind? Ist es „hilflose Gleichgültigkeit“? Ist es das Resultat des Relativismus? Das ist das Credo unserer Zeit, wonach es keine absolute Wahrheit gibt, weil alle Meinungen als gleichwertig und gleichrangig anzusehen sind.

Wie kann sich aber ein gläubiger Christ in einer solchen Welt orientieren? Katholiken denken zunächst an das kirchliche Lehramt. Das üben in den Diözesen die Nachfolger der Apostel, d.h. die Bischöfe aus. Ihre Autorität ist aber beeinträchtigt. Die Ursachen dieses Autoritätsverlusts reichen weit zurück. Zu nennen sind die sogenannte „Königsteiner Erklärung“, als Antwort auf das päpstliche Schreiben „Humanae Vitae“ Pauls VI., die Einbindung – außer Erzbischof Dyba – in die staatliche Schwangerenkonfliktberatung zur rechtswidrigen aber straffreien Abtreibung, das Schweigen zu Häresien an theologischen Fakultäten, zu einem defizitären Religionsunterricht, zur Gender-Ideologie etc.

Diese Vorgänge lähmen das Engagement für die Kirche, weil sich viele „heimatlos“ in der Kirche sehen und fragen: „Was gilt noch?“ Aber: Für jeden Katholiken gibt es auch heute eine klare und verbindliche Orientierung im Katechismus der katholischen Kirche (KKK) vom 11. Oktober 1992, den Kardinal Ratzinger im Auftrag von Papst Johannes Paul II. geschaffen hat. Niemand ist ohne Kompass! Es ist auch zu bedenken: Wenn wir uns nicht mehr für den Glauben einsetzen, dann lassen wir auch die Christen im Stich, die verfolgt werden und unser Beispiel brauchen, um durchzuhalten. Es sind weltweit mehr als 220 Mio., die in Ländern leben, in denen ihnen grundlegende Rechte vorenthalten werden, und die schlimme Formen von Diskriminierung erleiden. Wenn wir resignieren, entmutigen wir auch die, welche sich für eine christlich geprägte humane Kultur in Talkshows angiften lassen, und die aus Überzeugung zu einer friedlichen Demo auf die Straße gehen, seien es Frau Kuby, Frau Kelle, Frau von Beverfoerde, Frau Linder oder andere.

Wir sollten uns schon fragen, was heute auf dem Spiel steht. Es sind dies unser christlicher Glaube, unser Verständnis von Ehe und von einer christlich geprägten humanen Kultur. Es ist das, was der durchaus kirchenkritische Schriftsteller Heinrich Böll einmal so ausgedrückt hat: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen Welt vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: Für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache; und mehr noch als Raum für sie: Liebe für die, die der heidnischen Welt nutzlos erschienen und erscheinen“.

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