Wahrheit als Lebenskompass: Glauben – Erkennen – Handeln

Elmar Nass


Die
erste und wichtigste ethische Orientierung des Menschen ist die an der Wahrheit des Guten. Der Heilige Thomas von Aquin fordert von uns, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Wie aber kann das gelingen? Dieser Imperativ setzt voraus, dass es das Gute als eine Norm tatsächlich gibt, dass wir Menschen sie erkennen und dass wir auch ganz konkret danach handeln können. So möchte ich hier der Spur der Wahrheit des Guten folgen, indem ich den christlichen Anker der Wahrheit an den Anfang stelle, dann einige aktuelle Orientierungsfragen aufwerfe, bevor verschiedene verführerische Ideen und Ideologien des Guten gegenübergestellt werden. Es folgt eine Erinnerung an die christliche Vorstellung der Wahrheit des Guten, ihrer Erkennbarkeit und der daraus folgenden Handlungsoptionen, die sich daraus ergeben.

Unser Anker:
Jesus ist die Wahrheit

Für uns Christen hat die Wahrheit des Guten ihr menschliches Gesicht in Jesus Christus, der von sich selbst sagt: Ich bin die Wahrheit. Der Jesuitenpater Prof. Johannes Günter Gerhartz, der jetzt zu Grabe getragen wurde und der in meiner Zeit im Germanicum in Rom einer meiner Lehrer war, stellte immer wieder nachdrücklich und emotional dieses Bekenntnis wie ein Brennglas unserer christlichen Existenz heraus. Und er schaute in Gesprächen oder Vorträgen dann seine Gesprächspartner oder Zuhörer an, wenn er sagte: „Jesus schaut auf jeden von uns. Er ist das Maß unserer Wahrheit. Und: Nehmen Sie das ruhig ernst!“ Dieser letzte Anker christlich verantwortlichen Lebens ist das unaufgebbare Maß unserer Gewissensprüfung: da, wo die menschliche Vernunft in der Bilanzierung der Argumente an ihre Grenzen stößt.

Es tun sich doch zahlreiche Dilemma-Situationen in unserem Leben auf, die von uns konkrete Entscheidungen fordern: für uns ganz persönlich in unserem privaten Leben ebenso wie in unseren persönlichen Stellungnahmen zu aktuellen sozialen Fragen oder zur Zukunft der Kirche und des Glaubens. Einige aktuelle Streitthemen seien hier genannt, die von uns Christen eine Positionierung erfordern, eine die sich nicht am Mainstream oder der Bequemlichkeit orientiert, sondern an der Wahrheit, selbst wenn eine solche Meinung in den populären medialen Foren Proteste provozieren mag. Wahrheit folgt nicht immer der Mehrheit, wir aber sind Zeugen der Wahrheit, und deshalb braucht es Mut, diese auch wieder mit klarer Kante zu benennen. Denn am Ende unserer Tage werden wir nicht Rechenschaft geben vor einem Diskursgremium von Alt68ern oder treuen Hütern politischer Korrektheit oder pragmatischer Realpolitik, sondern Rechenschaft werden wir ablegen vor Jesus Christus, der selbst die Wahrheit ist, und der in seiner Zeit auf der Erde auch nicht den vorgefundenen Mehrheiten gefolgt ist, sondern mit dem Bekenntnis zur Wahrheit gerade seine selbstherrlichen Zeitgeister herausgefordert hat.

Gesuchte Orientierung
an der Wahrheit:
exemplarische Fragen
unserer Zeit

Aktuelle ethische Fragen, deren Beantwortung nach Orientierung an der Wahrheit schreit, gibt es genug. Nur einige seien hier exemplarisch genannt. Wie wird es weiter gehen mit der Auslegung von Art 1. GG vor allem am Anfang und am Ende des Lebens? Nur noch 10 % der Kinder mit Down-Syndrom werden geboren. Keineswegs ist klar, was hier dann noch mit unantastbarer Würde gemeint ist. Das, was Ernst-Wolfgang Böckenförde noch 2003 als axiomatische Ewigkeitsentscheidung bezeichnete, ist inzwischen verschwommener denn je. Nach welchen Kriterien sollen Rationierungsentscheidungen im Gesundheitswesen getroffen werden? Die Menschen werden immer älter, die eingesetzten Technologien gerade in der letzten Lebensphase werden immer teurer. Und Frühchen, die früher gestorben wären, können heute unter Aufwendung hoher Kosten am Leben erhalten werden, oft verbunden mit einer lebenslangen Behinderung. Es wird schon ernsthaft darüber diskutiert, sich solche Kosten doch „besser“ zu sparen und die so frei werdenden Ressourcen anders zu alloziieren: auf Kosten der Frühchen und der alten, kranken Menschen. Welche ethische Idee steckt hinter einer solchen Logik? Das muss offen gefragt werden! Was soll eigentlich mit Blick auf Ehe und Familie von unserer Verfassung besonders geschützt werden, wenn inzwischen alles Mögliche als Familie definiert wird?  Wie stellen wir uns zum Islam in unserer Gesellschaft und wie zur Gefahr des Islamismus? Wo erkennen wir Handlungsbedarf angesichts maßloser Christenverfolgungen in muslimischen Ländern? Kann Gewalt im Sinne des „gerechten Krieges“ für Christen eine legitime Option sein? Was ist eigentlich das verbindende Wertefundament Europas? Humanismus scheint da weitgehend konsensfähig, aber welcher? Ist die Aufklärung der legitime Pate des Humanismus? Oder gar die dezidiert antichristlichen Adoptionen des Begriffs etwa in der so genannten ‚Humanistischen Union‘ o.a.?  Oder ist nicht doch der christliche Humanismus das eigentlich Fundament unantastbarer Würde jedes Menschen? Welchen Stellenwert wollen wir der Genderperspektive in unserer Gesellschaft einräumen, die das so genannte soziale Geschlecht der Menschen einebnen will. Dabei geht es nicht allein darum, Mädchen in blaue Strampler zu stecken und Jungen mit Puppen spielen zu lassen oder die Zahl der Toiletten zu vervielfachen (weil es ja mehr als acht Geschlechter gebe).  Inzwischen werden zahllose Lehrstühle ausgeschrieben mit einem Genderschwerpunkt. Und Forschungsprojekte der Regierung fordern immer häufiger die Berücksichtigung der Genderperspektive ein. Hier wird also nicht nur durch wortstarke Lobbyvertreter in den Medien, sondern auch mit massiven finanziellen Umverteilungen in Meinungsbildung, Forschung und Lehre eingegriffen. Und last not least: Wie wird es wohl mit der Kirche weitergehen, die weiter Jahr für Jahr viele Mitglieder verliert und immer noch viele Kräfte für Strukturdebatten bindet, die den missionarischen Auftrag Jesu nicht unbedingt beflügeln.

Was ist Wahrheit? – Alternative Zugänge zum vermeintlich Guten

Antworten auf die genannten Fragen und viele andere mehr sind dringender denn je. Und jeder Ethiker will uns hier weiterhelfen mit seiner Ethik, also seiner Vorstellung von Wahrheit, Würde und dem Guten. Doch nicht überall, wo Wahrheit drauf steht, ist Wahrheit drinnen. Das Gleiche gilt für das Gute und die Würde. So absurd es klingen mag: Auch die Nazis, die Islamisten und Stalinisten o.a. haben eine je eigene Vorstellung von Wahrheit. Um nicht in die gefährliche Falle des Relativismus zu tappen, der hier keine substantielle Unterscheidung mehr begründen kann, bedarf es der wesentlichen Unterscheidung zwischen subjektiven Ideologien von Wahrheit einerseits, und der objektiven Begründung von Wahrheit und Gut, die die barbarischen Verirrungen als solche identifiziert. Alternative Vorstellungen von Wahrheit konkurrieren also immer wieder miteinander und mit unserem christlichen Verständnis. Hier seien einige mächtige ideologische Zeitgeister enttarnt.

Da ist zum einen eine sozialdarwinistische Vorstellung als Orientierung. Sie fordert eine Selektion stärkerer gegenüber schwächeren Rassen und Menschen. Das ist keineswegs eine Erfindung der Nazis. Darwin selbst hat in Anlehnung an Thomas R. Malthus solche Konsequenzen gefordert, indem er weniger schlauen Menschen verbieten wollte, Nachwuchs zu zeugen. Je nach politischer Rezeption ist der Weg dann auch nicht mehr weit zu ähnlichen ausgrenzenden Totalitarismen, etwa der Klasse und Religion. Islamisten sprechen nur denjenigen Menschen die Würde zu, die ihrer Religion angehören und sie auch in ihrem Sinne verstehen. Andere verlieren ihre Würde und ihr Lebensrecht. Die Geschichte lehrt uns die grausamen Folgen solcher barbarischer Verdrehungen von Wahrheit unter dem Diktat menschlicher Hybris.

Eine Kantische Idee der Wahrheit ist demgegenüber zu bevorzugen. Sie erkennt immerhn ein objektiv Gutes an, das der Mensch mithilfe einer interessefreien (autonomen) Vernunft erkennen kann. Wahrheit ist danach das, was normativ meinem Denkvermögen vorausliegt. Über Gott will Kant aber nichts substantiell sagen, nur soviel, dass er ihn als denknotwendige Idee unbedingt voraussetzt. Wenn nun diese Idee denknotwendig ist, ihr aber keine Realität entspricht, dann löst sich die Stringenz dieser Ethik in Wohlgefallen auf. Wenn ihr aber eine Realität entspricht, dann ist aber doch eine Brücke zur christlichen Ethik geradezu denknotwendig. Diesen Schritt gehen aber viele Kantianer nicht mit. Vielmehr suchen manche einen fließenden Übergang unbedingter Würde auch zu vernunftbegabten Tieren und abseits von geistig behinderten Menschen. Dann wiederum entfernen wir uns wieder ganz schnell von dem, was für uns Christen Wahrheit bedeutet.

Christlich glauben und Erkennen

Schon in vorchristlicher Zeit entwickelten etwa Platon und Aristoteles eine objektive Ethik, deren letzter Anker eine zeitlos gültige Idee des Guten bzw. ein unbewegter Beweger als deren Ursprung ist. Für Christen sind die Antworten auf die gestellten Orientierungsfragen gut, die sich an einer solchen objektiv gegebenen Wahrheit orientieren und dabei – aus christlicher Sicht – an Jesus Christus. Dieses Bewusstsein schließt selbstverständlich eine verantwortungsethische Berücksichtigung der Konsequenzen unserer Entscheidungen und unseres Verhaltens mit ein. Sie begnügt sich aber nicht damit. Denn sie hat auch eine gesinnungsethische Seite. Unser Gewissen, das ja als Norma Normata auch irren kann, hat sich im Letzten an genau diesem Anker festzumachen, an Jesus Christus.

Der Heilige Thomas von Aquin hat eine bis heute unübertroffene Symbiose aus Vernunft- und Glaubenserkenntnis vorgelegt, die Papst Benedikt XVI. vor allem in seiner Enzyklika ‚Caritas in veritate‘ oder auch in seiner Rede vor dem Bundestag ausdrücklich rezipiert und mit aktueller Argumentationskraft für drängende Fragen ausgestattet hat. Das Gute wird danach nicht von Machtideologen willkürlich konstruiert und immer wieder relativistisch neu definiert. Vielmehr ist Gott als die Wahrheit des Guten gesetzt. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, diese und damit das Gesetz Jesu für uns Menschen zu erkennen. Das kann uns gelingen, wenn wir unsere Vernunft bemühen und diese in eine Grundhaltung der Gottesliebe einbetten. Zwar werden wir wegen der bleibenden Schöpfungsdifferenz niemals diese Wahrheit ganz erfassen können, doch wir können die ethische Botschaft Jesu erkennen. Sonst wären seine Predigten und Gleichnisse ja Schall und Rauch. Was uns dazu befähigt, ist neben der Vernunft die besondere Gabe, die wir in der Taufe empfangen haben und die in uns ist und wirken will. Es ist der Heilige Geist! Wenn wir Ihn gemeinsam mit unserer Vernunft aktivieren, können wir die Wahrheit Gottes und die Botschaft Jesu angemessen deuten! Der Heilige Geist ist dann auch unser innerer Kompass, der das Gewissen vor Fehldeutungen bewahrt. Vertrauen wir dem Heiligen Geist in uns: Er ist das Tor zur Wahrheit, weil Er selbst die Wahrheit ist.

Christliche Wahrheit als Handlungskompass

Mit der Erkenntnis der Wahrheit Gottes leben wir unsere dreifache Verantwortung als Antwort auf die Liebe Gottes: die Verantwortung vor Gott, vor uns selbst und dem Nächsten. Sie ermöglicht klare Positionierungen, die sich an der Wahrheit Jesu als Lebenskompass orientieren.

Zur Frage nach der Würde am Anfang und Ende des Lebens brachte neulich eine 17jährige Schülerin bei einer Podiumsdiskussion an der Wilhelm  Löhe Hochschule Fürth die bemerkenswerte Einlassung vor: Wir sollten doch gar nicht so hitzig über die Euthanasie am Lebensende diskutieren. Schließlich würden am Anfang des Lebens ja schon viele (vor allem behinderte) Menschen getötet. Wie Recht sie hat … Ich habe ihr geantwortet, dass dies ja genau das oft unterschätzte Dammbruchargument untermauert und ihr vorgeschlagen, das Argument herumzudrehen: Gerade weil wir die Euthanasiediskussion am Ende des Lebens führen mit einem klaren Bekenntnis gerade auch zum leidenden und sterbenden Leben, müssen wir den mit der Handhabe von § 218 unzähligen Verfassungsbruch am Anfang des Lebens wieder neu in die Öffentlichkeit bringen. Auch müssen wir Christen offen legen, wohin die Rationierungsdebatten im Gesundheitswesen führen können: zu einem sozialdarwinistischen Geist auf Kosten der Schwachen und Kranken. Das offen beim Namen zu nennen, ist unsere Christenpflicht, um nicht noch weiter auf der schon beschrittenen schiefen Bahn einer am Kalkül der Nützlichkeit orientierten „Ethik“ weiter abzurutschen. Ich bin zuversichtlich, dass wir dafür in unserer Gesellschaft noch Mehrheiten finden, wenn wir offen benennen, worum es hier wirklich geht. Mich wundert es nicht wenig, dass viele Zeitgenossen gerade den konservativen Christen eine Nähe zu politisch rechter Ideologie unterstellen. Wenn ich mir die geöffneten Türen zur Euthanasie am Anfang und Ende des Lebens und die damit schon sichtbaren Folgen etwa in den Niederlanden oder Belgien ansehe, wo Eltern über das Leben ihrer behinderten Kinder befinden dürfen, dann frage ich mich schon, wer hier dunkle Geister gerufen hat. Unser Bekenntnis zum Lebensschutz heißt auch eine klare Abgrenzung von allen, die im Namen der Christlichkeit in den Diskussionen um die Euthanasie im letzten Jahr öffentlich eine noch weitere Liberalisierung forderten als sie jetzt beschlossen wurde.  Solche Meinung mag vielleicht bequemer sein und manchem anschlussfähiger an den heutigen politisch korrekten Zeitgeist, doch sie ist nicht nur überflüssig, sondern verschleiert das christliche Profil, das sich an der Wahrheit orientiert.

Wie soll es mit der Familie weitergehen? Natürlich gibt es zahlreiche Erfahrungen des Scheiterns. Dies ist oft mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden. Doch das kann ja wohl kein Grund dafür sein, das Ideal aufzugeben. Natürlich gibt es viele nette und vertrauenswürdige gleichgeschlechtlich orientierte Menschen. Doch das kann ja wohl nicht der Grund dafür sein, entsprechende Verbindungen dem Ehesakrament gleichzustellen und das Adoptionsrecht zu fordern. Die Genderperspektive sorgt für manche weitere Verwirrung. Denn sie erhebt auch in der Theologie den Anspruch, universal vor die Klammer theologischer Reflexion gezogen zu werden. Der Genderperspektive entgegen lese ich im Schöpfungsbericht, dass Gott sich erdreistet hat, den Menschen als Mann und Frau zu schaffen und sich doch offenbar dabei etwas gedacht hat. Oder sollten wir den Schöpfer als vormodern maßregeln, weil er diese Perspektive nicht berücksichtigte …? Totalitäre Ansprüche wie die Genderperspektive führen zu einer Zensur Andersdenkender unter der Diktatur einiger Ideologen, die die Kirche nach ihren antiautoritären Utopien oder nach einem Diktum angepasster Anschlussfähigkeit an den Mainstream umkrempeln wollen und alles andere als vormodern und paradoxerweise als dogmatisch brandmarken. Intoleranz im Namen der Toleranz ist sicher keine christliche Tugend, aber leider in Theologie und Kirche recht verbreitet.

Woran will sich Europa orientieren? Zweifellos hat die Aufklärung unser Wertefundament mit geprägt. Humanismus aber ist keine Erfindung von Rousseau, Nietzsche oder Kant. Sie ist vielmehr grundgelegt in der christlichen Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die eine unbedingte Würde jedes Menschen überzeugend begründet, und zwar jeden Lebens von der Zeugung bis zum Tod, gesund oder krank, behindert oder dement. Wer Europas Werte in einem gottlosen Humanismus begründen will, kappt dem Humanen seine wichtigste Wurzel. Durchaus selbstbewusst sollten wir uns wieder dazu bekennen, dass aus unserer Sicht in Wahrheit die Botschaft Jesu die beste Herleitung eines wirklich humanen Humanismus ist, der diesen Namen auch verdient, weil dieser die Unantastbarkeit der Würde weder relativiert noch bloß behauptet, sondern sie überzeugend und universal begründet.

Unser Umgang mit dem Islamismus erfordert auch klare Kante, die nicht jedem passt. Wer ausdrücklich das Ziel hat, die Sharia einzuführen und andere Religionen zu vernichten – man schaue etwa auf die Christenverfolgungen unserer Tage –, der darf nicht mit Verweis auf unsere Verfassung deren Abschaffung betreiben. Daraus ergibt sich auch in der Verantwortung vor unseren jüdischen Mitbürgern folgerichtig die Forderung nach einem Verbot von salafistischen u.a. Gruppierungen. Diese Konsequenz ist kein bloß politisches Postulat, sondern nach meiner Überzeugung Ausdruck christlicher Wahrheit über das wahrhaft Humane.

Gewalt gegen den islamistischen Terror etwa in Syrien ist aus christlicher Sicht nicht trivial zu begründen. Pazifisten können sich auf Jesus berufen und sie kategorisch ablehnen. Krieg ist immer ein Übel, weil dabei Ebenbilder Gottes getötet werden. Deshalb ist die Rede vom gerechten Krieg manchmal irreführend. Gerecht heißt hier nicht „gut“, sondern eben bloß „gerechtfertigt“. Den Krieg gilt es schnellstmöglich zu beenden. Dennoch kann aus christlicher Sicht der militärische Einsatz in Syrien legitimiert werden, vor allem, wenn ich – wie auch schon zu anderen Zeiten der Geschichte – davon ausgehe, dass auch hier wieder die barbarischen Gegner nicht allein menschliches Gesicht haben, sondern in Wahrheit Gefolgsleute einer dämonischen Macht sind, die den Heiligen Geist auf Erden bekämpft. Wenn wir es so deuten, dann können wir den Worten Jesu entsprechend gegen solche Macht auch Mittel der Gewalt gut begründet legitimieren. Mir erscheint ein solcher Gedankengang angesichts von zahllosen verschleppten Frauen, aufgespießten Köpfen und ausgemerzten Dörfern durchaus plausibel.

Und die Kirche? Strukturdebatten töten den missionarischen Geist. Gesundes Selbstbewusstsein wirkt überzeugender als stete Rückzugsgefechte. Neue Gebetbücher retten die Kirche ebensowenig wie viel bedrucktes Papier und Endlossitzungen konzeptioneller Arbeitskreise. Plätzchenbacken und Taubenmalen öffnen Kindern und Jugendlichen keinen Zugang zu den Sakramenten. Leidenschaftliches Engagement für den Inhalt der Botschaft Jesu und für den Heiligen Geist sollte in Katechese, Religionsunterricht, Theologie und Verkündigung zum Programm erklärt werden. Warum nicht ein Jahr solcher Leidenschaft ausrufen? Und so neue kreative Wege anspornen! Warum nicht Gemeindekatechese wieder inhaltlich daran neu ausrichten und dem Heiligen Geist so die Türen öffnen?

Gesinnungsethischer Anker

Bei den exemplarisch genannten und anderen Handlungsorientierungen, die der Wahrheit Jesu folgen wollen, ist die Antwort nicht immer eindeutig. Eindeutig aber ist und bleibt der letzte Kompass jeder christlich legitimen Entscheidung. Es ist unser Vertrauen auf den Heiligen Geist, der in uns ist. Das befähigt zum ausdrücklichen Bekenntnis und gibt sogar Mut zum Martyrium. Schauen wir doch auf die vielen Verfolgten, die für ihren christlichen Glauben heute ermordet werden. Der Heilige Geist befähigt uns dazu, gesinnungsethisch der Wahrheit treu zu bleiben, vor dem wir einmal Rechenschaft ablegen werden. Es ist die Wahrheit, für die wir in unserer Kirche gemeinsam eintreten sollen, die Wahrheit, die uns aus unserer menschlichen Enge befreit: Jesus Christus selbst, der uns anschaut. Und das dürfen wir ruhig ernst nehmen!

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