Maria – Pforte zu neuer Hoffnung

Pfarrer Winfried Abel, Heiligenkreuz

 

Evangelisation als Hebammenkunst

Von Sokrates stammt das Wort „Hebammenkunst“. Hebammenkunst (Mäeutik) ist eine Form der Seelsorge und der Verkündigung.

Vor zwei Tagen begegnete mir ein junger Vietnamese, der aus einem heidnischen Umfeld stammt. Hier in Deutschland fand er zum katholischen Glauben. Der junge Mann berichtete mir, dass er bei der Vorbereitung auf die Taufe die überraschende Feststellung machte: „Das habe ich ja alles schon gewusst, das war ja alles schon in mir da!“ Das bereits „Gewusste“ musste bei ihm nur noch ins Bewusstsein gehoben werden.

Was dieser junge Mann erfahren hatte, gilt ganz allgemein! Auch die Verkündigung und Evangelisation der Kirche ist nichts anderes als „Hebammenkunst“, – den Menschen bewusst machen, was in ihnen schon da ist, was in ihnen bereits angelegt ist.

Einst stand der heilige Paulus in Athen auf dem Areopag vor den heidnischen Philosophen (Apg.17) und erklärte ihnen den „Altar für den Unbekannten Gott“: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch!“ – Dieser „Altar“ befindet sich im Herzen eines jeden Menschen, er ist ihm nur nicht bewusst. Das innerste Wissen von Gott und die verborgene Sehnsucht nach ihm muss nur noch ans Tageslicht gefördert werden. Insofern sind alle Menschen „schwanger“, – und diese Schwangerschaft muss beendet werden. Das ist Evangelisation.

Auf diese „Hebammenkunst“ hat Kardinal Jorge Mario Bergoglio kurz vor seiner Papstwahl hingewiesen. Er gebrauchte dazu ein anderes Bild. Es war im März 2013, im sogenannten Vorkonklave, als die Kardinäle zusammenkamen, um sich gegenseitig kennenzulernen. Dort hielt Kardinal Bergoglio eine kurze Ansprache, die sehr viel Eindruck bei seinen Kollegen hinterließ und sicherlich auch ausschlaggebend dafür war, dass man ihn zum Nachfolger des hl. Petrus – nach Benedikt XVI. wählte. Er wies die versammelten Kardinälen darauf hin, dass die Kirche die notwendige Aufgabe habe, ihren theologischen Narzissmus zu überwinden! Damit lag er ganz auf der Linie seines Vorgängers, der in seiner berühmten, teilweise umstrittenen Freiburger Rede am 25. September 2011 gesagt hatte: „In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich eine Tendenz, dass nämlich die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht.“ – Kardinal Bergoglio zitierte ein Wort Jesu aus der Offenbarung des Johannes (Offb.3,20): „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an…“. Meist werde dieses Wort so verstanden, dass Jesus draußen steht und um Einlass bittet. Aber die Kirche ist doch „schwanger“. Jesus will hinaus zu den Menschen… Wir müssen also das Wort so deuten: Jesus steht in der Kirche, vor der Tür, die nach außen führt, und möchte hinausgelassen werden zu den Menschen! Die mit sich selbst beschäftigte Kirche muss ihre Pforten nach außen öffnen und Jesus hinauslassen in die Welt!

Dasselbe Bild von der „schwangeren“ Kirche finden Sie wieder im 12. Kapitel der Offenbarung des Johannes, in der Vision von dem großen Zeichen am Himmel, der Frau, die mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen hat und in Geburtswehen schreit. Sie ist zugleich die verfolgte Kirche, die durch den feuerroten Drachen, „die alte Schlange“, bedroht wird, der das Kind verschlingen will, sobald es geboren ist….

Mit dieser Deutung korrigierte Kardinal Bergoglio, der wenige Tage später, am 13. März 2013, von den Kardinälen zum Papst gewählt wurde, die fehlgedeutete Episode von Johannes XXIII., der nach der Ankündigung des Konzils von einem Journalisten gefragt wurde, was das Konzil bezwecken solle; dieser ging zum Fenster und öffnete es mit den Worten: „Das will das Konzil!“ Diese Legende vom geöffneten Fenster wurde meist so gedeutet: „frische Luft in die muffige Kirche!“ Die Wirklichkeit ist aber eine ganz andere! Es muss umgekehrt heißen: „Pneuma (Lufthauch) des Heiligen Geistes aus der Kirche hinaus in die Welt!“

Maria, die offene Pforte

Nun steht unsere Betrachtung heute unter dem Thema „Maria – Pforte zu neuer Hoffnung“. Da sind wir wieder beim Bild von der offenen Türe. Wenn wir in diesem außerordentlichen Heiligen Jahr von Maria als „Pforte neuer Hoffnung“ sprechen, dann assoziieren wir mit diesem Bild sogleich die „Heiligen Pforten der Barmherzigkeit“, wie sie in vielen Kirchen der Welt eröffnet wurden, um den Menschen den Zugang zu Gott zu ermöglichen, der „reich ist an Erbarmen“ (Eph.2,4).

Denken wir dann auch an IHN, der als erster – und zwar in entgegengesetzter Richtung! – die Heilige Pforte durchschritten hat, um uns Menschen zu suchen und alle zu retten, die verloren waren? (Lk.19,10). Maria ist diese erste „Heilige Pforte“! Gott selbst hat sie geschaffen und als erster durchschritten, um zu uns Menschen zu gelangen!

Das Wort „Pforte“ ist ein anderes Wort für „Mutterschaft“. „Selige Pforte warst Du dem Worte…“

Manche evangelische Christen haben Probleme mit dem Begriff „Mutter Gottes“. Sie verwechseln „Mutter“ mit „Ursprung“. Mutterschaft bedeutet aber nichts anderes als Empfangen, Bewahren und Weitergeben, – eben „Pforte für das Leben“ zu sein!

Jean Marie Vianney, der hl. Pfarrer von Ars, wurde einst einer reliquiensüchtigen Dame bedrängt, die ihm ein Andachtsbildchen mit dem Bild der Gottesmutter entgegenhielt und ein Autogramm erbat. Auf dem Bild stand der Text „Maria, Quelle der Gnaden, bitte für uns!“ Der erleuchtete Priester nahm seine Feder zur Hand, strich das Wort „Quelle“ durch und ersetzte es durch das Wort „Kanal“. Damit hat der heilige Pfarrer genau das beschrieben, was man unter Mutterschaft zu verstehen hat: Maria ist eben nicht Ursprung, sondern offene Pforte, geöffnetes Tor…, aber nicht nur Durchlass, sondern Hingabe durch Selbstbeteiligung: sie hat dem Sohn Gottes aus ihrer eigenen Glaubens- und Leibessubstanz einen Leib gegeben. So wurde Jesus ihr eigenes Fleisch und Blut.

Maria hat in ihrem Gehorsam ihren Beitrag zur Menschwerdung Gottes gegeben und das Priestertum Christi ermöglicht.  ER gab ihrer Hingabe sein göttliches Wesen hinzu, indem der Heilige Geist sie befruchtet hat. Daran erkennen wir, dass jedem Priestertum die Mütterlichkeit vorausgeht.

Sie können daraus ableiten, warum es heute so wenige Priester gibt.

Wir rufen Maria im Salve Regina als „mater misericordiae“, „Mutter der Barmherzigkeit“, an. Dieser Titel könnte auch lauten „janua misericordiae“: „Sei gegrüßt, Maria, Pforte der Barmherzigkeit“!

Seit der Urkatastrophe des Sündenfalls kann die Liebe Gottes nur noch als Barmherzigkeit erfahren werden! Wir Menschen kennen die Liebe Gottes nur als Sünder, die der Begnadigung bedürfen. Diese Barmherzigkeit ist durch Maria der Welt geschenkt worden. Deshalb verkündet der Hl. Paulus Christus nur in der Form der „Barmherzigkeit“ – als den Gekreuzigten! (1Kor.1,23).

Die Pforte der Hoffnung

In der Lauretanischen Litanei wird Maria als „Pforte des Himmels“ („Janua Coeli“) angerufen. Dieses Bild hat eine zweifache Bedeutung:.

  • Maria ist Pforte für den Himmel, um zur Erde zu gelangen.
  • Maria ist aber auch Pforte zum Himmel, um zu Gott zu gelangen.

Wenn wir Maria als  „Pforte der Hoffnung“ anrufen, dann meinen wir genau dasselbe, denn der Himmel ist unsere Hoffnung: der Himmel kommt durch Maria zu uns, – und wir gelangen durch Maria zum Himmel.

Damit ist auch schon Wesentliches über die Hoffnung ausgesagt. Dier christliche Hoffnung hat es immer mit dem zu tun, was bereits real existiert, mit dem Unsichtbaren, das einst offenbar werden wird! Deshalb kann Paulus sagen: „Ihr seid mit Christus auferweckt; Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ (Kol.3,1-4). Aus Grund dieser Hoffnung singt der gläubige Christ voll Freude „Schau, Dein Himmel ist in mir…“

Es gibt also zweierlei „Hoffnung“: die säkulare und die christliche.

1. Die säkulare Hoffnung ist entweder unerfüllbar, also eine Illusion (eine Frau wartet auf die Heimkehr ihres Mannes, der längst im Krieg gefallen ist),. …oder erfüllbar, aber mit einem mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeitsgrad (der erhoffte Lottogewinn).

2. Die christliche Hoffnung ist dagegen eine sichere Hoffnung: das Erhoffte, ist mit der Hoffnung voll und ganz identisch! Denn der Gegenstand der Hoffnung ist bereits vorhanden, wenn auch noch unsichtbar. Deshalb sagen wir von einer schwangeren Frau, sie sei „guter Hoffnung“, weil das Kind, das sie erwartet, bereits real existiert, aber noch nicht sichtbar ist, es muss nur noch geboren werden.

Ohne das Erhoffte, also ohne den Himmel, macht die Erde keinen Sinn! Der eingangs erwähnte junge Vietnamese berichtete mir, was ihn auf die Suche nach Gott führte, nämlich die Überlegung, ob dieses kurze Leben hier auf der Erde alles sei.

Die Maximierung der Lebensgüter bringt nicht den Himmel auf die Erde! Daher ist die größte Lüge, die die Menschheit terrorisiert und den Menschen krank macht, die Diesseitsvertröstung! Immer wieder hat man die Kirche der Jenseitsvertröstung bezichtigt: sie rechtfertige Ausbeutung und Unterdrückung mit dem Verweis auf ein besseres Jenseits So haben die Ideologen und Revolutionäre die Erde, die biblisch im Bild der Wüste gesehen wird, zum Paradies erklärt. In Wahrheit verwandelte ihre Ideologie die Erde in ein Gefängnis und brachte alle Arten von Terrorismen, Unmenschlichkeiten, Blutvergießen und Unterdrückung hervor.

Kirche darf sich nie mit einer weltlichen Macht gleichstellen. Sie ist dazu bestimmt das Jenseits im Diesseits, der Himmel auf der Erde zu sein!

In Christus hat sich der Himmel wieder mit der Erde verbunden: so wurde die Erde, wenn auch gezeichnet durch die Folgen der Urkatastrophe (Leiden und Tod), der Weg zum Himmel! – Dass dies möglich wurde, dazu hat Maria ihre ganze Glaubenssubstanz verschenkt.

Mutterschaft –bedeutet Empfangen und Verschenken

Betrachten Sie noch einmal das „große Zeichen“ am Himmel, wie es das Kapitel 12 der Offenbarung des Johannes zeichnet. Die schwangere Frau, deren Leibesfrucht der Drache verschlingen will, erklärt uns die Ursache für die weit verbreitete Ablehnung der Mutterschaft und die wachsende Unfruchtbarkeit in unserer Gesellschaft. Der böse Feind will die Fruchtbarkeit zerstören – die leibliche wie die geistige!

Jesus hat einst eine Frau, die in ihrer Spontaneität ausrief „selig der Leib, der dich getragen und die Brust, die dich genährt hat“ liebevoll korrigiert und ihr das Geheimnis der wahren Fruchtbarkeit genannt: „Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lk.11,27f). Jesus weist also das Kompliment, das seiner Mutter gilt, nicht zurück, sondern hebt es auf eine höhere Ebene. Er beschreibt Fruchtbarkeit nicht als einen physiologisch-biologischen sondern als einen spirituellen Vorgang! Deshalb grüßt Elisabeth ihre Verwandte „Selig, die du geglaubt hast“ und die Volksfrömmigkeit Maria mit den Worten: „Selige Pforte warst du dem Worte…“, – das heißt: dem Worte, das Fleisch werden wollte.

Vor diesem Hintergrund begreifen wir, was der Hauptgrund dafür ist,  die Verkündigung der Kirche die Menschen nicht erreicht: weil das Wort Gottes nicht mehr Fleisch wird, nicht mehr die Christen verwandelt, sondern zu einer bloßen Ideologie verkommt! Papst Franziskus weist darauf hin, dass jeder Christ dazu berufen ist, das Evangelium zu verkünden – und fügt wörtlich hinzu: „wenn nötig, auch durch Worte!“ Das heißt: zunächst muss das Wort in uns Fleisch werden, dann spricht es für sich und wird zur Verkündigung! Das Lebenszeugnis ist die eigentliche Mission. Das gesprochene Wort ist nur der Kommentar dazu.

Maria hat viele Worte und Geschehnisse nicht begriffen, wies sie aber nicht zurück, sondern bewahrte sie in ihrem Herzen: Sie „assimilierte“ das Wort, und überließ es seiner Eigendynamik. So hat sie uns als Frucht ihres Leibes den Sohn geschenkt und wurde zur Mutter des Priestertums.

Voraussetzung für wahre Fruchtbarkeit: das Hören

Hier bestätigt sich wieder, dass alle Initiative bei Gott liegt. Denn „am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott… Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist…“ (Joh.1,1+3). Wenn der Mensch selbst „Wort“ sein will, dann fängt er an, Ideologien zu erfinden. In der christlichen Verkündigung geht es aber nicht um Ideologie, es geht um die Wahrheit! …Und es gibt aber nur eine Wahrheit!

Die Initiative Gottes ist das Wort, das ganz dem Wesen Gottes entspricht. Wenn Gott sich äußert, dann entäußert er sich – und zwar total! Daher kann Paulus sagen: „Der für uns dahingab seinen eigenen Sohn, hat er uns in IHM nicht alles geschenkt?“ (Röm.8,32).

Die Entsprechung zu dem Wort ist das Hören: Der Mensch ist auf Hören hin geschaffen, um „ganz Ohr“ zu sein, nicht das Wort aus sich selbst zu haben, sondern zu empfangen – und durchzulassen. Das gilt in besonderer Weise von den Verkündern des Wortes: sie müssen Hörer sein, bevor sie reden. Sie müssen das Wort, das sie empfangen, ungefiltert durch lassen zu den Menschen. Für uns Priester stellt sich die Aufgabe, etwas zu verkünden, was wir nicht verstehen und etwas zu wirken, was wir nicht vermögen…

Durchlässig sein, das bedeutet: ER will das Wort haben, weil ER das Wort ist! Dem Menschen bleibt nichts anders, als im Gehorsam das Wort anzunehmen. Durch diesen Gehorsam wurde Johannes der Täufer zum Propheten: er war die feine Membrane für das Wort Gottes, das er ungefiltert durchließ. Das gab ihm die Vollmacht, die Herzen der Menschen zu berühren und seine Zuhörer zu erschüttern!

Die Voraussetzung für einen vernünftigen Glaubensgehorsam ist allerdings die wichtige Prämisse, dass es eine objektive und unumstößliche Wahrheit gibt, die dem Menschen vorgegeben ist, die über seiner Vernunft steht. Diese Wahrheit, die letztlich Gott selber ist, ist nicht verhandelbar und kann nicht mehrheitlich verändert werden.

Auf die Kirche bezogen ergibt sich hier die Frage: wer muss die größten Ohren haben? Wer muss am meisten gehorchen? Die Antwort lautet eindeutig: Der Nachfolger des hl. Petrus, der Papst! Denn er ist der Garant für die Zusage Christi, dass der Heilige Geist die Kirche in die Wahrheit einführt und sie darin erhält.

Ich denke in diesem Zusammenhang an die Klarstellung, die Papst Johannes Paul im Jahre 1994 im Zusammenhang mit der heiß diskutierten Frage nach der Priesterweihe der Frau vorgenommen hat. Damals formulierte er: „Die Kirche hat keinerlei Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und die Gläubigen der Kirche haben sich endgültig an diese Entscheidung zu halten!“ (ORDINATIO SACERDOTALIS). Ein solches Wort des Papstes zeugt von dem Gehorsam  des Papstes, der sich der Wahrheit Christi verpflichtet weiß und sich ihr unterordnet. Würde er sich dem gesellschaftlichen Geschmack fügen, dann versündigte er sich gegen die Wahrheit. Insofern leuchtet es ein, dass auch die Unfehlbarkeit des Papstes ihren Grund in der Unumstößlichkeit der Wahrheit hat, die nur hörend und gehorchend empfangen und bezeugt werden kann.

Aus den Evangelien können wir deutlich entnehmen, dass Maria den feinen und zugleich wichtigen Unterschied zwischen „Mitwirkung“ und „Mitbestimmung“ macht. „Der Mensch muss sich Gott anpassen, nicht Gott sich den Menschen“, schreibt Kardinal Robert Sarah in seinem Buch „Gott oder Nichts“.

Deshalb kann auch die Kirche keine Demokratie sein. Weder ihre Vollmacht noch die von ihr verkündete Wahrheit geht vom Volk aus („Kirche von unten“). Die Kirche ist kein Kollektiv, nicht vergleichbar mit irgendeinem soziologischen Gebilde, sondern eine „Hierarchie“, wie es Papst Benedikt XVI. einmal verdeutlichte: Hier-Archie heißt „aus heiligem Ursprung“!

Darum kann „Kirche“ auch nicht als bloße „Organisation“ verstanden werden. Die Kirche ist ein „Organismus“! Maria hat uns diesen Organismus, den Christus-Leib, geboren, – sie ist und bleibt in alle Ewigkeit die Empfangende und die Verschenkende. Bei jedem Kommunionempfang dürfen wir den ersten Dank an die Gottesmutter richten, dass sie uns den Leib Christi schenkt!

Es gib also eine vorgegebene Wahrheit!

Als Papst Benedikt am 22. September 2011 vor dem Bundestag in Berlin seine berühmte Rede hielt, legte er die Stelle aus dem ersten Buch der Könige zugrunde, wo Salomo den Herrn um ein „hörendes Herz“ bittet (1Kön.3,5-12). Es war das einzige Bibelzitat, das er zitierte, weil er um seine kritischen, zum Teil atheistischen Zuhörer, wusste.

Mit seiner Rede wollte der Papst dem Publikum  ins Bewusstsein rufen, dass alle Menschen, selbstverständlich auch die Politiker, einer Wahrheit verpflichtet sind, die mit demokratischen Mitteln oder mehrheitlichen Abstimmungen nicht gefunden werden kann, weil sie vorgegeben ist.

Da der Papst ein weltanschaulich buntes Gremium nicht mit Bibelzitaten überzeugen kann, appelliert er an die Vernunft und weist hin auf die Natur des Menschen und des Kosmos: „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.“. Denn die Schöpfung darf nicht nach dem Gutdünken des Menschen gestaltet oder verformt werden. Das Thema „Umwelt“ und „Bewahrung der Schöpfung“ ist dem Menschen heute schon wegen des natürlichen Selbsterhaltungstriebes ein wichtige Thema geworden. Genau daran knüpft Papst Benedikt an: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört…. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Und schließlich folgert er: Was wir „Natur“ nennen, ist nicht willkürlich-evolutiv entstanden, sondern ist materialisierte Vernunft: „Es ist keineswegs sinnlos zu bedenken, dass die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt!“

Aus dieser feststehenden Tatsache leitet sich wiederum der Konsens unter den Menschen aller Zeiten ab, eine Evidenz, die der menschlichen Natur eingegeben ist: das moralische Gewissen, das zu allen Zeiten unter allen Völkern Anerkennung fand, – eben der Altar für den unbekannten Gott!

Dir Kirche als Pforte zum Himmel

Maria als Himmels-Pforte ist nicht nur der Einlass für Gott zu den Menschen, sondern auch der Durchlass für den Menschen zu Gott. Daraus leitet sich die marianische Spiritualität der Kirche. Dass die Kirche immer in Gefahr ist, diesen Weg zu verlassen, erkannte der Theologe Hans Urs von Balthasar schon sehr bald, als er kurz  nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil den vielbeschworenen „Geist des Konzils“ so beschreibt:

„Die nachkonziliare Kirche hat ihre mystischen (marianischen) Züge weitgehend eingebüßt; sie ist eine Kirche der permanenten Gespräche, Organisationen, Beiräte, Kongresse, Synoden, Kommissionen, Akademien, Parteien, Pressionsgruppen, Funktionen, Strukturen und Umstrukturierungen, soziologischen Experimente, der Statistiken: mehr als je eine Männer-Kirche… Nun ist es wesentlich, dass es der echte Geist Marias ist, der zum Leuchten kommt: der Geist der Magdlichkeit, des Dienstes, der Unscheinbarkeit, der Geist der Weitergabe, des Für-andere-Seins. Niemand begehrt weniger nach persönlichen Privilegien als die Mutter Christi; sie freut sich an diesen nur, sofern sie all ihren Kindern in der Kirche zugute kommen.“

Schließlich gelangt er zu dem Schluss: „Ohne Mariologie droht das Christentum unter der Hand unmenschlich zu werden. Die Kirche wird funktionalistisch, seelenlos, ein hektischer Betrieb ohne Ruhepunkt, in lauter Verplanung hinein verfremdet. Und weil in dieser mann-männlichen Welt nur immer neue Ideologien einander ablösen, wird alles polemisch, kritisch, bitter, humorlos und schließlich langweilig, und die Menschen laufen in Massen aus einer solchen Kirche davon.“ („Klarstellungen“ 1971):

Dass es in unserer Kirche immer noch das Karriere- und Privilegien-Denken gibt, – dass die „Säkularisation“ zwar auf die materielle Enteignung betrieb, nicht aber auf die Entweltlichung des Denkens so vieler Amtsträger bewirken konnte, ist sicherlich bedauerlich! Die Kirche als eine Basis für eine „weltliche“ Karriere? Ein fragwürdiges Projekt! Die davon abgeleiteten Privilegien, die bei vielen leider immer noch hoch im Kurs stehen, haben mit dem Auftrag Christi nichts zu tun!

Genau darauf hin zielte die heiß diskutierte Freiburger Rede (25.9.2011) von Papst Benedikt XVI., in der er neben vielem Bedenkenswerten das folgende sagte:

Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst am Nächsten wieder unbefangener leben… Sie öffnet sich der Welt, nicht um die Menschen für eine Institution mit eigenen Machtansprüchen zu gewinnen, sondern um sie zu sich selbst zu führen, indem sie zu dem führt, von dem jeder Mensch mit Augustinus sagen kann: Er ist mir innerlicher als ich mir selbst (vgl. Conf.3,6,11)…

Freimachen von allem, was nicht Christus ist: das heißt Entweltlichung. Das hat Papst Benedikt mit dieser spirituellen Ermahnung gemeint. Die Verantwortlichen in unserer Kirche haben das Anliegen leider nicht aufgenommen, sondern sich vielmehr beeilt zu erklären: „Auf uns trifft dieses Wort nicht zu!“ – Darum blieb es wirkungslos!

Eine „magdliche Kirche“ könnte nach dem Bild der Gottesmutter Maria eine offene und einladende Pforte der Hoffnung werden: dass viele suchende Menschen wieder den Weg zu Gott finden: weil dann das Wort immer wieder Fleisch würde.  Denn Mütterlichkeit dient nicht nur dem irdischen Leben, sondern ist ein geöffnetes Tor zum wahren Leben in Fülle!

Und dazu möchte ich mich bekennen!

Ave, maris stella, Dei mater alma atque semper virgo, felix caeli porta.

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