Hat die deutsche Ortskirche mit „weiter so!“ eine Zukunft?

Der Zustand der deutschen Ortskirche ist das Ergebnis eines lang anhaltenden Prozesses, der alle westeuropäischen Länder erfasst hat und noch nicht zum Stillstand gekommen ist, wie die Statistik zeigt.

Bereits Ende 1958 hat der Theologieprofessor Joseph Ratzinger die damalige kritische Situation in seinem Vortrag „Die neuen Heiden in der Kirche“ (Hochland, 1/59) angesprochen. Ratzinger sagte: „Die Statistik täuscht. Das dem Namen nach christliche Europa ist seit langem zur Geburtsstätte des neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen heraus auszuhöhlen droht. Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst.“ Das bedeutet, dass die Betroffenen „sich nicht mehr einfach den Glauben zueignen, sondern eine sehr subjektive Auswahl aus dem Bekenntnis der Kirche zu ihrer eigenen Weltanschauung machen …, so dass ein großer Teil von ihnen vom christlichen Standpunkt her nicht mehr eigentlich gläubig genannt werden darf, sondern einer mehr oder weniger aufklärerischen Grundhaltung folgt“ (Zitiert nach 40 Jahre Neokatechumenat in St. Philipp Neri, München-Neuperlach, ein Erfahrungsbericht von Pfarrer Wolfgang Marx, S. 21-22).

Als Joseph Ratzinger den Zustand der Ortskirche charakterisierte, lag der Kirchenbesuch in der Bundesrepublik Deutschland noch bei rund 45%, heute beträgt er weniger als 10%. Die Gesamtsituation hat sich hinsichtlich Gottesdienstbesuch, Sakramentenempfang, Scheidungen etc. drastisch verschlechtert. Sie erinnert an die, welche Petrus Canisius in seinem Brief vom 2. April 1567 an den Bischof von Würzburg beschreibt. … „Mit Wissen und Willen gehen wir zugrunde, wenn wir uns nicht ernstlich auf den schlimmen Zustand Deutschlands … und auf die dafür notwendigen Gegenmittel besinnen … Wir müssen uns zwischen den beiden Möglichkeiten entscheiden: entweder unseren Glauben zu verteidigen und zu erneuern oder ihn zu unserer Schande aufgeben… In Glaubenssachen den Sektierern nachzugeben, geht nicht an. Kompromisse beschleunigen nur den Untergang der Religion… Während wir also schlafen oder andere Dinge treiben, wird das Übel immer schwerer, die Häresien greifen um sich, die Menschenseelen gehen verloren, das Ärgernis ist an der Tagesordnung… Alle Frömmigkeit und Kirchenzucht hört auf. Die Geistlichkeit ist über jedes erträgliche Maß von Missständen befallen, will aber auch keine Besserungsversuche zulassen… Bischöfe und andere Kirchenfürsten haben Angst… Sie werden durch die erbärmliche Lage eingeschüchtert, sie fürchten immer neue Unruhen, einer wartet auf den anderen, der als erster das Glatteis betreten soll. Und so lassen sie alles laufen, wie es läuft“… (Zitiert nach Informationsblatt der Petrusbrüder 10/2017, S. 6 und 7).

Die Kirche, die Petrus Canisius schildert, ist, durch die Bemühungen der Reformorden, insbesondere der Jesuiten, einiger Bischöfe, aber auch durch Fürsten – hier sind besonders die bayerischen Wittelsbacher zu nennen – nach der Umsetzung der Reformdekrete des Konzils von Trient neu aufgeblüht. Diese Blüte fand im Barock ihren großartigen kulturellen Ausdruck. Sie war begleitet von der Ausbreitung des Glaubens in Lateinamerika, Indien, Japan und China. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschlaffte der Elan der Kirche.

Kehren wir zu Joseph Ratzinger zurück. Er nahm als Berater des Kölner Kardinals Frings am Zweiten Vatikanischen Konzil teil, das Johannes XXIII. mit großen Erwartungen einberufen hatte. Es sollte ein Reformkonzil werden und frischen Wind in die müde gewordene Kirche tragen. Joseph Ratzinger sprach später von zwei Konzilien, die er damals erlebt habe: Das eine in der Konzilsaula, das andere in den Medien. In letzteren wurde der „Geist des Konzils“ beschworen, der aber von den Konzilstexten nicht abgedeckt war. So wurden Erwartungen bei Laien und Priestern geweckt, die in Richtung „Christentum light“ gingen und zu Verwirrung und Enttäuschung führten. Das Ergebnis ist bekannt: Ein massenhafter Auszug, auch von Priestern, aus der Kirche. Eine weitere Folge dieser Enttäuschung war, eine Protesthaltung gegenüber Rom und Papst Paul VI., die sich auf dem Katholikentag 1968 zu einem Crescendo steigerte, nachdem der Papst das Schreiben „Humanae Vitae“ mit der Absage der künstlichen Empfängnisverhütung, veröffentlicht hatte. Die deutschen Bischöfe stützten mit ihrer „Königsteiner Erklärung“ nicht die Position des Papstes. Sie schlugen sich auf die Mainstreamseite.

Papst Paul VI. und Johannes Paul I. hatten dann in Johannes Paul II. einen Nachfolger, der sich auf seinen Pastoralreisen im Dienst einer Neuevangelisierung aufzehrte. Deutschland gehörte zu den Ländern, in denen sein Wort auf einen harten undurchlässigen Boden fiel. Sein Nachfolger Benedikt XVI. löste nach der Wahl in Deutschland zunächst Schockstarre und dann weitverbreitete Ablehnung aus. Er hatte als Dekan des Kardinalkollegiums am 18. April 2005 das Credo des Zeitgeistes als eine „Diktatur des Relativismus“ charakterisiert. Das wurde ihm nicht verziehen. Ratzinger: „Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‚vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-Lassen‘, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt“ (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 168, S. 14).

Benedikt XVI. hat auf seinem Deutschlandbesuch am 25. September 2011 in seiner Freiburger Rede das Grundproblem der deutschen Ortskirche angesprochen: Sie hat zu viel Geld. Das lähmt ihren Auftrag. Der Vorwurf, Benedikt XVI. habe mit dieser Rede die Kirche von ihrem Weltauftrag und ihren caritativen Aufgaben mit der von ihm vorgeschlagenen „Entweltlichung“ abzuziehen versucht, entbehrt jeder Grundlage, wenn man den Redetext heranzieht. Dort heißt es: „In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich … auch eine gegenläufige Tendenz, dass die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbst genügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht … Um ihrem eigenen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung zu lösen und wieder offen auf Gott hin zu werden … Die Geschichte kommt der Kirche in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung zu Hilfe, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben … Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein … Umso mehr ist es wieder an der Zeit, die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen. D.h. natürlich nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern das Gegenteil. Eine vom Weltlichen entlastete Kirche vermag gerade auch im sozial-caritativen Bereich den Menschen, den leidenden wie ihren Helfern, die besondere Lebenskraft des christlichen Glaubens zu vermitteln“…

Die reiche deutsche Kirche hat nicht die Kraft, zu der sie Benedikt XVI. aufgerufen hat, und zu „ihrem eigentlichen Auftrag“ zurückzufinden. Was sie hat, sind aufgeblähte Personalapparate, denen vielfach der Geist fehlt. So muss ihr wohl eine neue Form der „Säkularisierung“ zu Hilfe kommen.

Auch die Aufforderungen des Nachfolgers, Papst Franziskus, wieder missionarischer zu werden und an die Ränder der Gesellschaft zu gehen, haben in der deutschen Ortskirche keinen Neuaufbruch im Glauben ausgelöst. Zustimmung findet Papst Franziskus bei Katholiken dort, wo sie sich in ihrer Haltung bestätigt fühlen. Die gleichen Fans überhören, wenn Papst Franziskus beispielsweise die Genderideologie als „satanisch“ oder Abtreibung als „grauenhaftes Verbrechen“ bezeichnet. Solche Charakterisierungen sind selbst den kirchensteuerfinanzierten katholischen Nachrichtenagenturen kaum eine Meldung wert (kath.net 22.11.17).

Eine schonungslose Analyse des Zustands der deutschen Ortskirche, wurde auf dem letzten „Ad-limina-Besuch“ der deutschen Bischöfe im November 2015 in Rom in Form eines Papiers an die Bischöfe verteilt. Einige Passagen dieses Papiers sind es wert, in Erinnerung gebracht zu werden. Das Papier spricht von einer „dahinsiechenden und absterbenden Kirche“. Die Ortskirche sei im „sozialen und caritativen Bereich“ und im Schulwesen professionell engagiert, in denen aber das katholische Profil immer mehr schwindet. Die fehlende Vitalität und missionarische Kraft, der geringe Gottesdienstbesuch, das Verschwinden des Bußsakramentes und der Rückgang der Priester- und Ordensberufungen etc. werden deutlich angesprochen.

Auch für die Kirche gilt: Die Zukunft liegt in der heranwachsenden Generation. Die katholische Jugend ist im Bund der Deutschen katholischen Jugend organisiert (BDKJ). Der BDKJ nennt rund 600.000 junge Leute als seine Mitglieder. Über die Befindlichkeit des BDKJ gibt das Interview „Wie gelingt es, junge Menschen zu Jüngern Jesu zu machen?“ (Tagespost 11.11.2017, S. 5) Aufschluss. Dieses Interviewgespräch wurde mit dem BDKJ-Bundespräses Pfarrer Dirk Bingener und dem Leiter des Gebetshauses Augsburg, Dr. Johannes Hartl, geführt und vom Chefredakteur der „Tagespost“ Oliver Maksan moderiert. Einige Passagen des Bundespräses Bingener geben Aufschluss über die geistige Haltung des BDKJ und seiner Führung. Johannes Hartl wies auf die völlige Unwirksamkeit der kirchlichen Jugendarbeit, gemessen an Messbesuch, Eheschließungen, Taufen, Priester- und Ordensnachwuchs hin: „Es läuft etwas fundamental falsch in unserer Jugendarbeit.“ Bingener weicht aus: „In großen Zahlen zu denken kann nicht das alleinige Kriterium sein. Die Pfarrei bietet für viele heute nicht mehr die klassische Beheimatung.“ Die von Hartl zitierte „Diktatur des Relativismus“ mit den „massiven Folgen für die kirchliche Verkündigung“ findet der BDKJ-Bundespräses als eine „negative Weltsicht“. Auf die Frage von Hartl „Gelingt es uns, Menschen zu Jüngern zu machen?“, antwortet Bingener „Ja, ich glaube es gelingt uns gut.“ Bingener weiter: „Die Frage, ob ich ein guter Christ bin, misst sich ja nicht daran, ob ich sonntags um 8:00 Uhr in der Kirche sitze“… „Bei uns geht es sehr stark darum, dass es zunächst einmal Räume gibt, wo junge Menschen den Glauben lernen können … Die Antworten des Glaubens müssen (mit der Lebenswelt) kompatibel sein … Die Antworten der Kirche für die Jugendlichen sind das meist nicht mehr“, z.B. der „Umgang der Kirche mit der Homosexualität“. Auf die Frage, was Pfarrer Bingener Jugendlichen sage, die „Probleme mit der kirchlichen Sexuallehre haben“, sagt der BDKJ-Bundespräses: „Ich glaube, ich würde nochmal genau klären, was einem Menschen hier wichtig ist, was ihm fragwürdig erscheint. Dann würde ich vorstellen, was die Kirche dazu lehrt. Ich würde den jungen Menschen aber auch dazu ermutigen, das, was er für sich im Grunde genommen als richtig erkennt, dann auch für sich und sein Leben anzunehmen“. Auf die geplante Jugendsynode, die Papst Franziskus für 2018 einberufen hat, angesprochen, äußert Bingener: „Ich hoffe auf die Synode und vertraue wirklich darauf, dass Veränderungen in der Kirche möglich sind und zwar nicht nur in der Zukunft, sondern in der Gegenwart“ und konkret „etwa bei der Frage bei der Zulassung von Frauen zum Priesteramt …“ Der BDKJ-Bundespräses sagt für den, der das Geschehen im BDKJ beobachtet, nichts Neues: Es ist die Anpassung der BDKJ-Jugend an den Zeitgeist, und zwar von der Führung her.

Auf der deutschen Ortskirche liegt ein lähmendes Leichentuch, das neues Leben nicht keimen lässt, sondern erstickt. Der Niedergang wird durch Projekte, wie den gemeinsamen katholischen-evangelischen Religionsunterricht, jetzt in Nordrheinwestfalen (außer in der Diözese Köln) und in Berlin-Brandenburg, beschleunigt. Ein Hauptproblem in diesem „kirchensteuerfinanzierten Staatskirchensystem“ (Johannes Hartl) liegt darin, dass noch immer ganze Jahrgangsklassen zur Kommunion und Firmung geführt werden und jeweils für einen Tag die „Volkskirche“ und den „traditionellen Milieukatholizismus“ aufleben lassen, statt die interessierten Kinder und Jugendlichen in einer längeren Vorbereitungszeit zu einer persönlichen Gottesbeziehung zu führen.

Joseph Ratzinger sagte 1969: „Nur wenn die Kirche anfängt, sich selbst wieder als das darzustellen, was sie ist, wird sie das Ohr der neuen Heiden mit ihrer Botschaft zu erreichen vermögen, die sich bisher noch in der Illusion gefallen können, als wären sie gar keine Heiden“ (Zitiert nach „Das neue Volk Gottes“, Patmos-Verlag 1969, S. 325f und 330).

Eine neu aufblühende Kirche kann beim Stand der Dinge zunächst keine Volkskirche sein. Sie ist es heute ohnehin nicht, wenn wir den Gottesdienstbesuch und den sakramentalen Mitvollzug zum Maßstab nehmen. Entscheidend ist, dass die Kirche wieder über mutige und kraftvolle Hirten verfügt, die ihre Aufgabe wahrnehmen. Bischof Rudolf Voderholzer hat in seiner Predigt in der Schlussvesper auf der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz 2017 die Hirtengestalt am Beispiel des heiligen Bonifatius mit diesen Worten in Erinnerung gebracht: „Bonifatius habe [hat] das Christentum als ‚Gewissensreligion‘ gelehrt und verkündet! Nur wer mit seiner ganzen Person für den Glauben einsteht, nur wer zu erkennen gibt, dass er sich als Bote dem sendenden Gott und nicht dem Zeitgeist, den Erwartungen der Medien oder sonstigen vorläufigen Instanzen verantwortlich weiß, wird bei anderen Glauben wecken. Kirchliches Leben braucht mehr als nur Sympathisanten. Leitbilder sind gefragt. Menschen die brennen und so das Feuer des Glaubens weitergeben können“.

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